# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S35 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Zehnten Delegatenſynode von Miſſouri, Ohio u. a. St. 1902. 35 die durch den Anblick der Sünden und durch das Gericht Gottes erſchrocke⸗ nen Gewiſſen das Geſetz [das heißt, das Urtheil des Geſetzes] empfinden, ſo ſollen wir unſere Zuflucht nicht zu unſerem Thun und Werken nehmen. Denn die Sünde kann nicht durch unſere Werke überwunden werden. . . . Es wird eine höhere Kraft, eine größere Macht zur Ueber⸗ windung der Sünde erfordert. Daher müſſen die bekümmerten Seelen ſo unterrichtet werden, daß ſie erſtlich . . . alle Hoffnung von ihrem Verdienſt wegwerfen; darnach, daß ſie auf dieſes Wort ſehen: „Ihre Miſſethat iſt vergeben“, und ſich auf Chriſtum werfen, der für uns ein Fluch geworden, auf daß er uns von dem Fluche erlöſete, der deshalb gelitten hat und ge⸗ kreuzigt worden iſt, damit wir, nachdem unſere Sünden überwunden ſind, gerecht im Glauben leben möchten, als die da verſöhnt ſind mit dem Vater durch das Blut des Sohnes und gerecht geachtet durch den Glauben an den Sohn. Das iſt unſere Lehre, von welcher wir wiſſen, daß ſie kräftig ſei, die Gewiſſen aufzurichten.“*) An dieſer Lehre müſſen auch wir feſthalten und mit Harnack und allen Werklehrern unver⸗ worren bleiben, wollen wir anders die Gewiſſen recht ſtillen. 3. Die chriſtliche Kirche ſoll die Menſchen zum Dienſte Gottes zurückfüh⸗ ren, ſie reich machen an guten Werken. Um einen modernen Aus⸗ druck zu gebrauchen: Die chriſtliche Kirche ſoll „chriſtliche Sittlichkeit“ pflegen. Das iſt auch ein Zweck der Erlöſung, die durch Chriſtum geſchehen iſt. St. Paulus ſchreibt Tit. 2, 14. von Chriſto: „Der ſich ſelbſt für uns ge⸗ geben hat, auf daß er uns erlöſete von aller Ungerechtigkeit und reinigte ihm ſelbſt ein Volk zum Eigenthum, das fleißig wäre zu guten Werken.“ Die guten Werke der Menſchen reichen nicht hin zur Erlangung der Seligkeit. Zur Erlangung der Seligkeit ſind allein Chriſti vollkommene Werke genugſam. Aber deshalb ſind die guten Werke der Chriſten nicht gering zu achten. Sie ſind überaus koſtbar. Sie ſind mehr werth als die ganze Welt. Denn die Welt und alles, was darinnen iſt, verbrennt am jüngſten Tage. Aber die guten Werke der Chriſten verbrennen nicht, ſon⸗ dern folgen ihnen nach in die Ewigkeit; ſie werden von Gott mit einem herrlichen Gnadenlohn gekrönt. Gute Werke ſind ein ewiger Schatz, den die Chriſten ſich hier auf Erden ſammeln ſollen. Zu den Pflichten eines chriſtlichen Predigers gehört auch die Sorge, daß alle Glieder der Gemeinde reich werden an guten Werken. Aber wie kommt es zu guten Werken? Nur durch den Glauben an das Evangelium; nur dann, wenn die Seligkeit nicht aus den Werken des Menſchen, ſondern durch den Glauben an Chriſtum den Gekreuzigten gelehrt wird. Wer das Weſen des Chriſtenthums in die menſchliche Sittlichkeit, *) A. a. O., 473 f.