# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S33 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Zehnten Delegatenſynode von Miſſouri, Ohio u. a. St. 1902. 33 uns anderes übrig bliebe, als Wehe über die ganze Welt und über uns ſelbſt zu ſchreien. Darum müſſen wir unverworren bleiben mit dem alten und immer wieder neu aufgeputzten Irrthum, daß das Weſen des Chriſtenthums in des Menſchen Sittlichkeit beſtehe. Nein, nein! Das Chriſtenthum beſteht im Glauben an das Evangelium, im Glauben an die Vergebung der Sünden, die Chriſtus den Menſchen erworben hat. Indem wir dies predigen, machen wir Menſchen ſelig und erreichen ſo den Zweck der chriſtlichen Kirche. 2. Zum andern ſoll die chriſtliche Kirche den Menſchen ein ruhiges Gewiſſen vor Gott und damit das höchſte Glück verſchaffen, das es hier auf Erden für die Menſchen gibt. Durch den Dienſt der chriſtlichen Kirche ſoll ein Menſch ſprechen können, und zwar in allen Lebenslagen ſprechen können — auch in Krankheit, Armuth und mitten im Tode —: „Ich weiß, ich habe einen gnädigen Gott; Gott zürnt nicht mit mir, ſondern Gott liebt mich, wie ein Vater ſein Kind.“ Wenn eine Kirche, ſoviel an ihr iſt, dies nicht leiſtet, ſo iſt ſie nichts nütze in der Welt. Chriſti Teſtament lautet: „Den Frieden laſſe ich euch; meinen Frieden gebe ich euch“, Joh. 14, 27. Dieſes Teſtament des HErrn muß die Kirche vollſtrecken. Wie aber geſchieht dies? Wodurch allein verſchafft die Kirche den Gewiſſen Ruhe? Wodurch allein kann ſie in Menſchenherzen die Zuverſicht wirken: wir haben Vergebung der Sünden, einen gnädigen Gott? Allein durch das Evangelium, allein auf dem Wege des Glaubens an Chriſtum, den Sünderheiland. „Nun wir denn ſind gerecht worden durch den Glauben, ſo haben wir Friede mit Gott durch unſern HErrn JEſum Chriſt, durch welchen wir auch einen Zugang haben im Glauben zu dieſer Gnade, darinnen wir ſtehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben ſoll“, Röm. 5, 1. 2. Die Werklehre, das Vertrauen auf die eigene Sittlichkeit, läßt das Gewiſſen ſtets unruhig, unter der Anklage des göttlichen Geſetzes. Gottes Geſetz iſt eine gewaltige Größe. Es iſt eine göttliche Größe. Gottes Geſetz, wie es in der Schrift geſchrieben und auch wie es in unſerem eigenen Herzen geſchrieben ſteht, hört nicht auf, uns zu verurtheilen und ein böſes Gewiſſen zu machen, ſolange noch Sündliches an uns ſich findet. Dieſes verdammende Gottesurtheil des Geſetzes kann nicht durch menſchliches Meinen und Thun, ſondern nur durch ein anderes göttliches Urtheil aufgehoben werden, durch das göttliche Urtheil des Evangeliums, wodurch Gott ſelbſt um Chriſti willen die Sünder von ihrer Sündenſchuld losſpricht. Das böſe Gewiſſen im Menſchen weicht nur einer Behandlung: es muß das Blut JEſu Chriſti, des Sohnes Gottes, durch den Glauben dem Herzen applicirt werden. Profeſſor Harnack freilich glaubt, die Gewiſſen ohne Chriſti Blut ſtillen zu können. Er gibt den Menſchen die Anweiſung, ſie ſollten [Signatur am Fuß der Seite: „3“]