# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S30 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 30 Verhandlungen der 25ſten Allgemeinen oder dienen. Wir Menſchen ſind geneigt, das „geiſtlich“ zu nennen. Aber nach der Schrift iſt das eitel fleiſchliches Weſen. Wenn jemand, in der Meinung, ſich dadurch Gottes Gnade zu erwerben, alle ſeine Habe den Armen gäbe, ſich ſchier zu Tode faſtete, ſich blutig geißelte, ja, das Fleiſch ſich ſtückweiſe vom Leibe riſſe, ſo wäre das noch immer Fleiſch. Luther ſchreibt zu Gal. 3, 3. („Im Geiſt habt ihr angefangen, wollt ihr's denn nun im Fleiſch voll⸗ enden?“): „Paulus nennt hier Fleiſch nicht Wolluſt, viehiſche Leidenſchaften oder ſinnliche Begierden. ... Fleiſch iſt (hier) nichts anderes als die Ge⸗ rechtigkeit, die Weisheit des Fleiſches und die Gedanken der Vernunft, welche ſich bemüht, durch das Geſetz gerecht zu werden.“*) Kurz, durch eigene Werke gerecht werden wollen, iſt das Characteriſticum des blinden Heidenthums; ohne eigene Werke, durch den Glauben an Chriſtum ſelig werden wollen, das iſt Characteriſticum des Chriſtenthums. Hiermit hängt es denn auch zuſammen, daß das Chriſtenthum allen Menſchen von Natur ein tief verborgenes Geheimniß iſt. Harnack freilich meint, was Johannes der Täufer und Chriſtus ſelbſt gelehrt haben, ſei der Menſchheit ſchon vorher im Weſentlichen bekannt geweſen. Er ſagt: „Was kann „neu“ geweſen ſein, nachdem die Menſchheit ſchon ſo lange vor JEſus Chriſtus gelebt und ſo viel Geiſt und Erkenntniß erfahren hatte?“**) Dieſe Meinung Harnacks beruht aber auf ſeiner falſchen Meinung, daß Chriſtus nur Sittlichkeit oder das Geſetz Gottes gelehrt habe. Das Geſetz iſt aller⸗ dings den Menſchen nichts Neues. Auch die Heiden wiſſen von Gottes Ge⸗ ſetz, wie die Schrift oft und ausdrücklich bezeugt. Die Heiden wiſſen nicht bloß, daß ein Gott ſei, Röm. 1, 19., ſondern ſie wiſſen auch „Gottes Ge⸗ rechtigkeit“, Röm. 1, 32. Des Geſetzes Werk iſt geſchrieben in ihren Herzen, ſintemal ihr Gewiſſen ſie bezeuget, Röm. 2, 15. Wenn Miſſionare den Heiden das Geſetz predigen, ſo predigen ſie ihnen nichts Neues. Die Schrift des göttlichen Geſetzes iſt in den Herzen der gefallenen Menſchen zwar etwas verwiſcht, aber durchaus nicht ganz ausgetilgt. Daher finden wir auch unter den Heiden, wie Luther ſagt, treffliche Summarien des Ge⸗ ſetzes, Zuſammenſtellungen, in denen nicht bloß das böſe Werk, ſondern auch die böſen Gedanken und Begierden für Sünde erklärt werden. Kurz, das Geſetz hat das Chriſtenthum mit den heidniſchen Religionen gemeinſam, wenn auch das Chriſtenthum in dem Wort der göttlichen Offenbarung das göttliche Geſetz in ſeiner urſprünglichen und vollkommenen Reinheit hat. Aber eins iſt den Heiden völlig unbekannt. Ihnen iſt völlig unbekannt, daß es jemand gibt, der das Geſetz für ſie gehalten hat. Ihnen iſt völlig unbekannt, daß Gott ſeinen Sohn in die Welt geſandt hat, um an Stelle der Menſchen dem göttlichen Geſetz Genugthuung zu leiſten, und daß nun die Menſchen ohne eigene Werke, durch den Glauben an *) St. L. Ausg., IX, 288 f. **) „Das Weſen des Chriſtenthums.“ Dritte Aufl., S. 30.