# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S29 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Zehnten Delegatenſynode von Miſſouri, Ohio u. a. St. 1902. 29 den Juden, die ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten trachteten, das Zeugniß, „daß ſie eifern um Gott“, Röm. 10, 2. Solche Leute ſind uns in einer Hinſicht lieber als die groben Laſterknechte, die ohne Scheu nach ihren Lüſten dahinleben. Die Gerechtigkeit der Werke, die justitia operum, hat — wie auch unſer Bekenntniß wiederholt einſchärft — großen Werth für den Staat und das bürgerliche Leben. Wir leben im Staat ungeſtörter in der Geſellſchaft ehrbarer als laſterhafter Leute. Gott belohnt auch die natür⸗ liche Ehrbarkeit mit irdiſchen Gütern. Aber das Verkehrte iſt nun dies, wenn jemand das, was im Staat und im bürgerlichen Leben Werth hat, vor Gott geltend machen, dadurch vor Gott gerecht und ſelig werden will. Der Apoſtel Paulus gibt, wie wir gehört haben, den Juden, die ihre eigene Ge⸗ rechtigkeit vor Gott aufzurichten trachteten, zwar das Zeugniß, daß ſie um Gott eifern, ſetzt aber hinzu: „mit Unverſtand“, Röm. 10, 2. Sie eifern als ſolche, die die Sache nicht verſtehen, die geiſtlich blind ſind. Demnach ſagen wir: wer mit Profeſſor Harnack das Weſen des Chriſtenthums, an⸗ ſtatt in den Glauben an Chriſtum, in des Menſchen eigene Sittlichkeit ſetzt, der iſt geiſtlich noch nicht richtig im Kopfe, der iſt noch blind, ſtockſtaar⸗ blind, der hat noch keine Ahnung vom Weſen des Chriſtenthums, der ver⸗ wechſelt noch Heidenthum und Chriſtenthum, der ſteckt noch in der Religion des Fleiſches. Das erklärt die Schrift ausdrücklich. Das Fleiſch äußert ſich in Bezug auf die Religion in doppelter Weiſe. In einem Theil der Menſchen ſpricht es: Es gibt keinen Gott, keinen Him⸗ mel und keine Hölle. Alle Religion iſt Thorheit. Laſſet uns eſſen und trinken. Das iſt das materialiſtiſche Fleiſch. In einem andern Theil ſpricht das Fleiſch der Menſchen: Es gibt einen Gott, und man muß, um zu Gott zu kommen, die Sünde meiden und das Gute thun. Dies iſt das religiöſe Fleiſch. Aber es iſt nichtsdeſtoweniger Fleiſch. Wenn jemand durch eigene Sittlichkeit, durch eigene Werke zu Gott kommen will, ſo nennt die Schrift das Fleiſch. Als die Galater, durch jüdiſche Irrlehrer verführt, vom Evangelium auf das Geſetz gefallen waren, als ſie, anſtatt durch den Glauben an Chriſtum, auch durch eigene Werke vor Gott gerecht werden wollten, ruft ihnen der Apoſtel Paulus Gal. 3, 1. 3. zu: „O ihr unver⸗ ſtändigen Galater, wer hat euch bezaubert, daß ihr der Wahrheit nicht ge⸗ horchet? ... Im Geiſt habt ihr angefangen, wollt ihr's denn nun im Fleiſch vollenden?“ Es heißt alſo fleiſchlich geſinnet ſein und nach dem Fleiſche wandeln, wenn jemand durch eigenes Thun zu Gott kommen will. Gottes Urtheil iſt hier anders als der Menſchen Urtheil. Es imponirt uns Men⸗ ſchen oder, um mit Luther zu reden, es „ſperrt den Leuten die Mäuler auf“, wenn jemand ſich redlich Mühe gibt oder ſich doch wenigſtens redlich Mühe zu geben ſcheint, durch ein äußerlich rechtſchaffenes Leben nach der Vor⸗ ſchrift des Geſetzes, auch mit Wachen, Faſten, ſich kaſteien und andern ſonderlichen Werken, den Himmel zu ver⸗