# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S28 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 28 Verhandlungen der 25ſten Allgemeinen oder glaubt, der für ihn und für alle Menſchen das Geſetz gehalten hat. Darum iſt das Chriſtenthum nicht eine Werkreligion, ſondern die Glaubensreligion. Darum beſteht nun das Weſen des Chriſtenthums lediglich im Glauben an Chriſtum. Luther pflegt zu ſagen: Weiß iſt jemand von der Weiße und ſchwarz von der Schwärze. Ein Chriſt iſt jemand von Chriſto, das heißt, dadurch, daß er ſich vor Gott auf Chriſti Thun und Leiden verläßt. Frei⸗ lich lehrt das Chriſtenthum auch Sittlichkeit und gute Werke. Wir werden ſpäter noch ſehen, daß nur im Chriſtenthum wahre Sittlichkeit und vor Gott gute Werke ſich finden. Aber ein Chriſt will weder zur Hälfte noch zum vierten Theil, auch nicht zum tauſendſten Theil durch eigene Tugend und Werke, ſondern allein durch Chriſti Gerechtigkeit und Werke ſelig werden. Dieſes Weſen des Chriſtenthums kommt ſchon durch den Kinder⸗ ſpruch zum Ausdruck: „Alſo hat Gott die Welt geliebet, daß er ſeinen ein⸗ gebornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren wer⸗ den, ſondern das ewige Leben haben“, Joh. 3, 16. Auf dieſes Weſen des Chriſtenthums im Unterſchiede von allen anderen Religionen hat auch der bekannte Sprachforſcher Max Müller treffend hingewieſen, als er vor einer Bibelgeſellſchaft einen Vortrag über die Bibel, das Religionsbuch des Chriſtenthums, hielt. Der berühmte Orientaliſt ſagte u. a.: „Ich darf ſagen, daß ich ſeit vierzig Jahren in der Erfüllung meiner Pflichten als Profeſſor des Sanskrit an der Univerſität Oxford ſo viel Zeit dem Stu⸗ dium der heiligen Bücher des Oſtens gewidmet habe, wie irgend ein anderer Menſch in der Welt. Und ich wage es, dieſer Verſammlung zu ſagen, was ich als den Einen Grundton aller dieſer ſogenannten heiligen Bücher ge⸗ funden habe; der Eine Grundton, der Eine Accord, der ſich durch alle hin⸗ durchzieht, iſt die Seligkeit durch Werke. Sie alle lehren, die Selig⸗ keit müſſe erkauft werden. Unſere eigene Bibel — unſer heiliges Buch aus dem Oſten — iſt von Anfang bis zu Ende ein Proteſt gegen dieſe Lehre. Gute Werke werden allerdings auch in dieſem heiligen Buche des Oſtens gefordert; aber ſie ſind nur der Ausfluß eines dankbaren Herzens — ſie ſind nur ein Dankopfer, die Früchte unſeres Glaubens. Sie ſind nie das Löſegeld der wahren Jünger Chriſti. Laßt uns nicht unſere Augen verſchließen gegen das, was edel und wahr iſt; aber laßt uns die Hindus, Buddhiſten und Muhammedaner belehren, daß es nur Ein heiliges Buch des Oſtens gibt, das ihr Troſt ſein kann in jener ernſten Stunde, in welcher ſie ganz allein hinüber müſſen in die unſichtbare Welt.“ So haben wir geſehen, daß und warum der Glaube an Chriſtum Chriſtenthum ſei. Sehen wir uns nun die gegentheilige Meinung, die Meinung, daß das Chriſtenthum in des Menſchen eigener Güte und Gerechtigkeit beſtehe, noch etwas näher an. Da ſagen wir: wir haben in Einer Hinſicht Reſpect vor den — frei⸗ lich ſeltenen — Leuten, die ſich aufrichtig bemühen, Gottes Gebote zu hal⸗ ten, um auf dieſem Wege ſelig zu werden. Auch der Apoſtel Paulus gibt