# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S26 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 26 Verhandlungen der 25ſten Allgemeinen oder lich iſt. Von den Leuten nämlich, welche durch ihre Sittlichkeit oder durch ihre Werke zu Gott kommen wollen, die alſo das Weſen des Chriſtenthums in die Sittlichkeit ſetzen, ſagt die Schrift Gal. 5, 4.: „Ihr habt Chriſtum verloren, die ihr durch das Geſetz gerecht werden wollt, und ſeid von der Gnade gefallen“, und Gal. 3, 10.: „Die mit des Geſetzes Werken umgehen, die ſind unter dem Fluch.“ Dieſe Leute gehören alſo nicht zur chriſtlichen Kirche. Von der chriſtlichen Kirche kann man nicht ſagen: „Viel Köpfe, viel Sinne.“ Die chriſtliche Kirche iſt wirklich Eines Sinnes. Die chriſtliche Kirche iſt die Gemeinde der Gläubigen, das heißt, die Gemeinde derer, welche glauben, daß ſie durch Chriſtum Vergebung der Sünden haben. Luther ſchreibt: „Es iſt nicht mehr denn eine einige Kirche oder Gottes Volk auf Erden, die da hat einerlei Glauben, Taufe, einerlei Bekenntniß Gottes des Vaters und Chriſti ꝛc. und bei ſolchem einträchtiglich mit einander hält und bleibt. In dieſer muß ein jeder ſich finden laſſen und derſelben eingeleibet ſein, wer da will ſelig werden und zu Gott kommen, und wird außer ihr niemand ſelig.“*) Hiermit iſt denn ſchon die Frage nach dem Weſen des Chriſtenthums poſitiv und negativ beantwortet. Auch iſt hiermit bereits auf die Wichtigkeit, an dem Weſen des Chriſtenthums feſtzuhalten, hingewieſen. Doch dürfte es dienlich ſein, auf die Sache noch etwas näher einzugehen. Ich lege noch etwas ausführlicher dar: I. Das Weſen des Chriſtenthums beſteht im Glauben an Chriſtum, nicht in des Menſchen eigener Sittlichkeit. II. An dieſem Weſen des Chriſtenthums muß die chriſtliche Kirche feſthalten, wenn ſie ihre Aufgabe in der Welt erfüllen will. I. Alſo vom Weſen des Chriſtenthums wollen wir etwas ausführlicher handeln. Unter dem Weſen eines Dinges verſtehen wir das, was ein Ding zu dem macht, was es iſt, oder: wodurch ein Ding das iſt, was es iſt, wodurch ſich daher ein Ding von andern Dingen unterſcheidet. So reden wir z. B. von dem Weſen des Menſchen im Unterſchied von den Thieren und finden das Weſen des Menſchen darin, daß er im Unterſchiede von den Thieren eine vernünftige Seele hat. So verſtehen wir auch unter dem Weſen des Chriſten⸗ thums das, was das Chriſtenthum zum Chriſtenthum macht und wodurch ſich das Chriſtenthum von allen andern Religionen unterſcheidet. Was iſt das? Was in oder an einem Menſchen macht ihn zu einem Chriſten? Nicht dies, daß er einen beſtimmten Rock trägt, wie Luther oft erinnert. Auch nicht dies, daß er Leib und Seele, und zwar eine vernünf⸗ *) Erl. Ausg., 9, S. 285 f.