# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S25 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Zehnten Delegatenſynode von Miſſouri, Ohio u. a. St. 1902. 25 Das Chriſtenthum beſteht daher auch nicht im Glauben an Chriſtum, ſondern in des Menſchen eigener Sittlichkeit, wozu der Menſch durch die einzigartige Perſönlichkeit Chriſti angeregt und angeleitet werden ſoll. Dieſe Lehre iſt, wie geſagt, nichts Neues. Die Unitarier und Rationaliſten aller Zeiten, das heißt, die Leugner der heiligen Dreieinigkeit und die ſogenannten Vernunftgläubigen aller Zeiten, haben ſie gelehrt. Aber Thatſache iſt, daß aus Veranlaſſung des Auftretens Harnacks ſchier in der ganzen Welt Ver⸗ handlungen über das Weſen des Chriſtenthums gepflogen worden ſind. Und das Reſultat? Das Reſultat iſt keineswegs eine Uebereinſtimmung derer, die ſich Chriſten nennen. Wir ſtehen vor der Thatſache, daß die, die ſich Chriſten nennen, nicht darin übereinſtimmen, was Chriſtenthum ſei. Man könnte befremdet fragen: Wie? Das Chriſtenthum iſt nun ſchon ſeit beinahe zweitauſend Jahren, ja, ſchon ſeit der Verkündigung der erſten Ver⸗ heißung von Chriſto, alſo ſeit beinahe ſechstauſend Jahren, in der Welt — und noch immer iſt man in der Chriſtenheit über das Weſen des Chriſten⸗ thums uneins? Noch immer ſtreitet man darüber, worin das Chriſtenthum eigentlich beſtehe? Darauf iſt zu ſagen: Die Chriſtenheit iſt in Bezug auf das Weſen des Chriſtenthums völlig eins. Alle Glieder der chriſtlichen Kirche halten that⸗ ſächlich dafür, daß ſie durch den Glauben an Chriſtum, den Sünderheiland, ohne Verdienſt ihrer Werke, Vergebung der Sünden und die Seligkeit haben. Durch dieſen Glauben, und durch nichts anderes, ſind ſie ja Glieder der chriſtlichen Kirche. Wer dieſen Glauben hat, gehört zur chriſtlichen Kirche; wer dieſes Glaubens nicht iſt, gehört nicht zur chriſtlichen Kirche. Auch die Seelen, welche im Pabſtthum und unter den Secten zur chriſtlichen Kirche gehören, ſind des Glaubens, daß ſie nicht durch ihre Werke oder ihre eigene „Sittlichkeit“, ſondern durch Chriſtum Vergebung der Sünden haben. Das iſt der Eine Glaube, welchen der Apoſtel Paulus von der chriſtlichen Kirche ausſagt, wenn er ſchreibt: „Ein HErr, Ein Glaube“, Eph. 4, 5. Das iſt der „Eine Sinn“, welchen der Heilige Geiſt in der ganzen Chriſtenheit gewirkt hat und erhält, wie wir ſingen vom Heiligen Geiſt: „Die ganze Chriſtenheit auf Erden hält in Einem Sinn gar eben.“ Aller Chriſten Glaube und Sinn iſt in den Schriftworten ausgeſprochen: „Das Blut JEſu Chriſti, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde“, 1 Joh. 1, 7., und: „So halten wir es nun, daß der Menſch gerecht werde ohne des Geſetzes Werke, allein durch den Glauben“, Röm. 3, 28., ſowie in dem Kindervers: Chriſti Blut und Gerechtigkeit, Das iſt mein Schmuck und Ehrenkleid, Damit will ich vor Gott beſtehn, Wenn ich zum Himmel werd eingehn. Abweichende Meinungen in Bezug auf das Weſen des Chriſtenthums finden ſich nur bei dem Haufen, der ſich chriſtlich nennt, aber nicht chriſt⸗