# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S17 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Zehnten Delegatenſynode von Miſſouri, Ohio u. a. St. 1902. 17 beurtheilen ſei. Wir lehren recht vom Weſen des Chriſtenthums. Es iſt die Lehre der heiligen Schrift, daß das Chriſtenthum nicht in des Menſchen „Sittlichkeit“ und ſittlichen Beſtrebungen, ſondern im Glauben an die Ver⸗ gebung der Sünden beſteht, die der menſchgewordene Gottesſohn mit ſeinem ſtellvertretenden Thun und Leiden erworben hat und im Evangelium der Welt darbietet. Kurz, wir wiſſen, daß wir orthodox, rechtgläubig ſind, nicht weil wir natürlicher Weiſe klüger und weiſer als andere Leute wären, ſondern weil wir durch Gottes Gnade das Wort glauben, lehren und bekennen, das Chriſtus ſeiner Kirche gegeben hat. Und dabei liegt uns nun die Thatſache vor Augen, daß wir in der äußeren Chriſtenheit nicht allgemeine Zuſtimmung, ſondern allgemeine Befehdung finden. Muß uns das nicht muthlos, ja, vielleicht irre machen? Iſt es nicht äußerſt befremdlich, daß die Wahrheit, die göttliche Wahrheit, ſelbſt innerhalb der äußeren Chriſtenheit nicht zur allgemeinen Anerkennung kommt? Nicht im Lichte des Wortes Gottes und der Geſchichte der Kirchen Gottes hier auf Erden! Die Wahrheit, die geoffenbarte Wahrheit Gottes, iſt immer ein Fremdling geweſen nicht nur in der Welt, ſondern auch in der Kirche, das heißt, innerhalb der äußeren Grenzen der Kirche. Die äußere Chriſtenheit hat im Großen und Ganzen ſich immer wider die göttliche Wahrheit geſtellt. Im alten Teſtament waren die Juden Gottes von den Heiden ausgeſondertes Volk. Aber Gottes Boten, die die göttliche Wahrheit verkündigten, fuhren im Großen und Ganzen überaus ſchlecht bei Gottes Volk. Jeruſalem tödtete die Propheten und ſteinigte, die zu ihr geſandt waren. „Welchen Propheten haben eure Väter nicht verfolget und ſie getödtet?“ ruft Stephanus den Ver⸗ tretern der jüdiſchen Kirche zu. Und Chriſtus ſelbſt, als er kam, konnte es nicht zu einer auch nur annähernd allgemeinen Anerkennung ſeiner ſelbſt in der Kirche bringen. Er kam in ſein Eigenthum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Auch die Apoſtel Chriſti konnten von der jüdiſchen Kirche kein testimonium orthodoxiae erlangen. Wohl aber eröffneten die Juden in Rom dem Apoſtel Paulus, noch ehe ſie ihn gehört hatten: „Von dieſer Secte iſt uns kund, daß ihr wird an allen Enden widerſprochen.“*) Und wie ging's in der Folgezeit? In der Folgezeit wurden die Zeugen JEſu einige Jahrhunderte vornehmlich von den Heiden verbrannt und enthauptet, dann aber übernahm die ſogenannte chriſtliche Kirche, die Kirche des Pabſtes, dieſe Rolle. Das Weib ward trunken von dem Blut nicht der Unheiligen, ſondern der Heiligen und von dem Blut nicht ſowohl der Irrlehrer als der Zeugen JEſu.**) In der Reformation ſchaffte Gott ſeinem Wort freilich gewaltig Raum in der äußeren Chriſtenheit. Aber zu einer allgemeinen Anerkennung der göttlichen Wahrheit kam es auch da nicht. Der bei Weitem größte Theil der *) Apoſt. 28, 22. **) Offenb. 17, 6. [Signatur am Fuß der Seite: „2“]