# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Februar 1857_S55 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Zu der Lehre von der Gnadenwahl und einigen damit zusammenhängenden ꝛc. 55 aber der creatürliche Wille von der Beschaffenheit war, daß ihm Raum blieb, sich selbst im Widerspruch mit seiner absoluten Norm zu bestimmen: so mußte, wann der letztere eintrat, der Inhalt des Gewissens also objectiv, ein anderer, als wir, werden, daß er nunmehr in der Gestalt einer gebietenden Forderung in's Bewußtsein tritt. Wiewohl des Menschen Lebensweise im gesunkenen Zustande meistens wenig mehr als ein Product von Einflüssen des Volkstypus, der Umgebungen, des Zeitalters, der Erziehung ist, wie denn auch sein willkürliches Eingreifen in die Natur bestimmte Grenzen hat, so daß er niemals den Zusammenhang in ihr zerreißen und auf sie nur vermittelst der ihm in seinem Leib schon angeeigneten Natur als Durchgangspuncts ihrer eignen unwiderstehlich wirkenden Gesetze agiren kann: so ist doch durch die Reflexion des wollenden Ichs in sich der bestimmende Kreis aller jener Potenzen durchbrochen, und selbst die Macht der Gewohnheit nicht unüberwindlich, insofern es sich der Herrschaft einzelner Antriebe durch freie Reaction entziehen will. Damit nun ist zugleich die Möglichkeit vorhanden, das Erbe des eingewurzelten Bösen in ihm zu vermehren, zu actualisiren und zu entwickeln auf die mannigfaltigste Weise. Sich zu einem guten Menschen freilich zu machen, der eben auch nur Gutes im wahren Sinn zu thun vermag, Matth. 12, 33. fgg., 7, 17. fgg., ist Keinem, wie er jetzt ist, durch sich selbst gegeben; die Richtigstellung seines Verhältnisses zu Gott und Eintauchung in ein göttliches Leben ist Etwas, welches weit über seine Kräfte hinausgeht. Woher aber jenes sittliche Gesetz in dem Gewissen, wenn die creatürliche Persönlichkeit nicht auch zum Guten frei geschaffen worden wäre im ersten Anfang alles unsers Seins? Und warum wendet das Evangelium sich überall an das Gefühl der Schuld im Menschen als unverleugbare Thatsache seines innern Lebens, wenn er vermöge seiner ursprünglich ihm gegebenen Willensfreiheit nicht verantwortlich gewesen wäre für den Fall der Sünde? Es hat Gott Seiner Weisheit, Macht und Güte ein wundervolles Denkmal bereitet in der Schöpfung geistiger Wesen nach Seinem Bilde. Sie sollten dadurch fähig sein, mit freier Neigung sich Ihm zuzuwenden, d. h. in der Erkenntniß Seiner Liebe Ihn auch wiederum zu lieben und Seiner seligen Gemeinschaft zu genießen. Ohne sie bliebe die ganze übrige Welt ein schlechterdings unauflösbares Räthsel, Finsterniß und Schweigen, sich selbst verborgen, wie ihr Schöpfer ihr verborgen wäre. Wie kann Seelen Gott Sich offenbaren, die im Naturleben bloß befangen von sinnlichen Empfindungen und den dadurch determinirten Neigungen regiert werden, ohne ein Vermögen, sich selbst mit ihrem Denken und Begehren in das Gebiet des Geistes zu erheben?*) Ein Wissen um Gott und göttliche Dinge ist nur möglich durch ein Ueberschreiten aus dem Reich des Sichtbaren in das Unsichtbare, zunächst durch Eingehen in sich selbst, womit ein Ich sich selbst erfaßt und sich als wollender Geist offenbar wird, aus seiner Beschränkung aber zugleich und dem *) Anm. Vgl. Apostelgesch. 17, 26. fgg. Daß wir Seines Geschlechts sind und Er uns ganz nahe, verbürgt unserm Sein in Gott die Möglichkeit, Gott zu finden.