# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1899_S34 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 34 Verhandlungen der 24ſten Allgemeinen oder Darf aber die Kirche vom Worte Gottes nachlaſſen, wenn es nach menſchlichem Dafürhalten ſo ausſieht, als ob die Kirche durch Feſthalten am Wort geſchädigt werden würde? Nein! Wir können die ganze Schrift durchleſen — wir werden aber keine Stelle finden, an welcher es einzelnen Chriſten, oder Gemeinden oder der ganzen Kirche erlaubt wäre, unter ge⸗ wiſſen Umſtänden die göttliche Wahrheit ganz oder halb zu verleugnen. Im Gegentheil, an allen einſchlägigen Stellen wird den Chriſten einge⸗ ſchärft, am Wort zu bleiben, ob dem Worte zu halten, auch nicht das kleinſte Gebot aufzulöſen ꝛc. Auch in dieſem Punkte gilt es, recht Staat und Kirche zu unterſcheiden und die Compromiſſe, die im Staate ganz in der Ordnung ſind, ja nicht auf das Gebiet der Kirche zu übertragen. Auch große Leute können dieſer Gefahr erliegen und ſind ihr erlegen. Wenn's nach Melanchthon gegangen wäre, nämlich nach dem Melanchthon, wie er nach der Uebergabe der Augsburgiſchen Confeſſion zeitweilig in den Ver⸗ gleichsverhandlungen mit den Papiſten redete und handelte, ſo hätte die lutheriſche Kirche keine Augsburgiſche Confeſſion. Melanchthon ſchrieb von Augsburg an Luther Briefe, deren Inhalt man kurz ſo zuſammenfaſſen kann: „Die gefährliche Zeit erlaubt nicht das Bekenntniß der ganzen Wahrheit. Um die Hauptſachen zu retten, müſſe man den Papiſten in einigen Punkten nachgeben.“ Luthers Antwort hierauf kann man kurz ſo zuſammenfaſſen: „Gottes Wort bekennen und ihn walten laſſen.“ Die Gefahr, durch Compromiſſe von Gottes Wort zu weichen, tritt zu unſerer Zeit in mannigfacher Geſtalt an die Kirche heran. Freilich, das Pabſtthum bedroht nur noch an wenig Orten die Kirche mit Waffengewalt. Aber es hat ſich zu unſerer Zeit eine Macht erhoben, die eine ebenſo un⸗ beſchränkte Herrſchaft in Anſpruch nimmt, als das Pabſtthum. Das iſt die ſogenannte „Wiſſenſchaft“. Dieſe ſogenannte Wiſſenſchaft erhebt den Anſpruch, daß ſie die letzte Entſcheidung auch darüber habe, wie viel von der Heiligen Schrift und von der chriſtlichen Lehre göttliche Wahrheit und anzunehmen ſei. Und wer ſich dem Entſcheid der Wiſſenſchaft nicht fügt, dem wird gedroht; dem ſoll's ſchlecht gehen in der Welt, auch der Kirche Gottes. Der Kirche Gottes wird gedroht, daß ſie ihre Wirkung auf die Menſchheit verlieren und ein verachtetes und kümmerliches Daſein friſten müſſe, wenn ſie ſich nicht der ſogenannten Wiſſenſchaft, als oberſter Auto⸗ rität, unterwerfe und die kirchliche Lehre von der Wiſſenſchaft purgiren und abſtempeln laſſe. Dieſe Drohung hat auch gewirkt. Durch dieſe Drohung hat ſich die ganze moderne, ſogenannte „gläubige“ und „confeſſionelle“ Theologie einſchüchtern laſſen. Sie hat ſich auf einen Compromiß mit der Wiſſenſchaft eingelaſſen. Sie will von der Heiligen Schrift und der chriſt⸗ lichen Lehre nur ſo viel geltend machen, als ſich vor der „Wiſſenſchaft“ rechtfertigen läßt. Zum Dank dafür erwartet ſie, daß „die Wiſſenſchaft“ ihren Segen — nämlich ihren wiſſenſchaftlichen „Segen“ — der Kirche Gottes nicht vorenthalten werde. Darüber hat die moderne Theologie die gött⸗