# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Februar 1857_S46 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 46 Lutherisch-theologische Pfarrers⸗Bibliothek. „Große Leute haben auch hohe Gedanken und ihre sonderliche Anfechtung, darin wir Einfältigen uns nicht allweg schicken können. Moses zerwirft in seinem Zorn die beide Tafeln, darauf die zehen Gebot geschrieben stunden. Pinehas ersticht in seinem Eifer den unzüchtigen Israeliten. Samuel richtet den König hin, dessen Saul unter einem großen Schein wider Gottes Wort verschonet. St. Paulus gibt den Corinthischen Blutschänder dem Teufel. Gott und seine Leut haben auch ihre hitzige Eifer und brennenden Zorn; wie es zwar unserm Doktor oftmals auch herzlich weh gethan, daß seine Schriften so rauschten als die Platzregen und wünschte vielmals, daß er so fein sachte und lieblich könnte regnen, wie Herr Philippus und Er Brentius;*) aber einerlei Geist hat mancherlei Wirkung. Wir, die wir die Landstraße oder gemeine Fußpfad reisen, können und sollen denen nicht nachsetzen, die aus der Fuhrstraß und gebähnten Wege setzen und querfeld durch Gemöß, Wasser, Wälder, Berg und Thal ihre Wege nehmen. Viel weniger sollen wir von großer Leute Ernst, Brunst, Eifer und Heftigkeit leichtlich urtheilen; sie haben ihren Seigersteller und Schirrmeister bei sich im Herzen, der geräth oft über sie und bringt sie auf, treibet sie fort und führet sie oft, dahin sie nicht gedenken, wie denn auch Gott zu ihren Wegen Glück *) Matthesius bezieht sich hier ohne Zweifel auf das, was Luther in der Vorrede zu Brenzens Auslegung des Propheten Amos schreibt, nehmlich: „Aber über das herrliche Zeugniß des Geistes, halte ich von deinen Schriften sonst auch so viel, daß dafür meine Bücher ganz und gar stinken, wenn ich sie gegen deine und deines gleichen Bücher halte. Und heuchle dir hierinnen nicht; ich erdichte auch nichts, noch rede etwas schimpfliches (d. i. ich scherze auch nicht), so werde ich mit meinem Urtheilen auch nicht betrogen. Denn ich lobe nicht den Brentium, sondern den Geist, der in dir viel freundlicher, lieblicher und friedlicher ist, denn mein Geist, auch mit allerlei Künsten der Wohlredenheit gezieret. So fleußt auch daher deine Rede viel reiner, heller und deutlicher, denn anderer Leute; darum es dem Leser auch mehr geliebet und zu Herzen gehet. Aber mein Geist, über das, daß er in den freien Künsten unerfahren und ungepoliret ist, thut nichts, denn daß er einen großen Wald und Haufen der Worte ausspeit. So hat er auch das Glücke, daß er rumorisch und stürmisch ist, und also ein Kämpfer ist, und mit unzähligen ungeheuren Thieren immerdar sich schlagen muß, und so man große Dinge mit kleinen vergleichen möchte, so habe ich von dem vierfächtigen Geist Eliä (1 Kön. 19.) den Wind, Sturm und Feuer, so die Berge zureißt und die Felsen zuschmettert, bekommen, du aber und deinesgleichen das liebliche Sausen und Wehen, die stille sanfte Luft, so kühlet." (L. W. XIV, 190. 191.) So aufrichtig gemeint es nun von Seiten Luthers ohne Zweifel war, wenn er Brenzens Schriften den seinen vorzog, so konnte doch Brenz dieses Lob nicht annehmen. Er antwortete vielmehr Luthern hierauf u. A. Folgendes: „Meinen Amos habe ich, hochzuverehrender Vater, empfangen; aber was du mir in der Vorrede beilegst, nehme ich weder an, noch kann ich es anerkennen. Gern zwar möchte ich es zugestehen und ich wünsche es mit höchstem Seufzen, daß Christi Geist in mir unter allen unwürdigsten Hirten wohnen möge. Wenn ich aber lese, daß du meinem Stammeln (infantiae) ich weiß nicht was für Künste und Schmuck der Rede zuschreibst, so werde ich schaamroth; da ich recht wohl weiß, daß ich solche Gaben nie erlangt habe, ja nicht im Traume daran denke. Du selbst aber erscheinst um so bewunderungswürdiger, je tiefer du dich unter sowohl mein als meines gleichen Stammeln herunterwirfst und in Wahrheit jenes Wort Christi erfüllst: Welcher der Kleinste ist unter euch allen, der wird groß sein. Luc. 9." (Unschuld. Nachr. Jahrgang 1743. S. 643. 44.)