# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1884_S177 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Vierten Delegatenſynode von Miſſouri, Ohio u. a. St. 1884. 177 ſie iſt daher verhältnißmäßig weniger bekannt. Wird nun ein Chriſt über ſie beunruhigt, wird ihm der ſcheinbare Widerſpruch dieſer Lehre in einem verkehrten Lichte gezeigt, ſo kann es leicht geſchehen — wie es leider bei vielen lieben Chriſten geſchehen iſt —, daß er die reine Lehre von der Gna⸗ denwahl um ihres ſcheinbaren Widerſpruchs willen für eine neue, nicht im Wort Gottes geoffenbarte Lehre hält, welche anzunehmen er mit Händen und Füßen abwehren müſſe. — Wir wiederholen: Das Verhältniß, in wel⸗ chem die Lehre der heiligen Dreieinigkeit zur menſchlichen Vernunft ſteht, iſt durchaus kein anderes, ſondern genau dasſelbe, wie das Verhältniß der Lehre von der Gnadenwahl, zuſammengehalten mit der Lehre vom allge⸗ meinen Gnadenwillen Gottes gegenüber der menſchlichen Vernunft. In beiden Lehren findet ſie denſelben ſcheinbaren Widerſpruch: ſie kommt über denſelben in Bezug auf die Lehre von der Dreieinigkeit ebenſowenig hin⸗ aus, wie ſie über ihn hinauskommt in der Lehre von der Gnadenwahl. — Wie wir in der Lehre von der heiligen Dreieinigkeit — ſo lieb uns unſere Seligkeit iſt — einfältig bei der Ausſage des Schriftwortes bleiben, alle Folgerungen unſerer Vernunft unterlaſſen und den vor unſerer Vernunft ſcheinbaren Widerſpruch unaufgelöſt ſtehen laſſen müſſen, ſo muß dasſelbe auch in der Lehre von der Gnadenwahl geſchehen, wenn wir recht gläubige Lutheraner ſein und bleiben wollen. — Anders läge ja freilich die Sache, wenn man den Beweis liefern könnte, daß zwiſchen den Lehren von der Gnadenwahl und dem allgemeinen Gnadenwillen nicht ein ſcheinbarer, ſon⸗ dern ein wirklicher Widerſpruch vorhanden wäre. — Ein ſcheinbarer Wider⸗ ſpruch entſteht dann, wenn die heilige Schrift von einem göttlichen Ge⸗ heimniß etwas ausſagt, was unſere Vernunft mit dem Gegenſtand dieſes Geheimniſſes nicht reimen kann, weil uns derſelbe nicht vollſtändig be⸗ kannt iſt. Ein wahrer Widerſpruch dagegen iſt dann vorhanden, wenn in einer und derſelben Sache — und zwar nach einer und derſelben Beziehung — einmal etwas behauptet und dann dasſelbe wieder in Abrede geſtellt wird und umgekehrt. So wäre z. B. das ein wahrer Widerſpruch, wenn geſagt würde: Es iſt Ein Gott, zugleich — in derſelben Beziehung — aber auch geſagt würde: Es ſind drei Götter. Derartige wirkliche und wahre Wider⸗ ſprüche finden ſich nicht in der heiligen Schrift. Keine Lehre der heiligen Schrift ſteht in einem wirklichen Widerſpruch mit einer andern. Das iſt ſo gewiß unmöglich, ſo gewiß die Schrift das Wort des wahrhaftigen Gottes iſt. Habe ich daher nachgewieſen, daß ich für die Lehre, welche ich führe, ein gewiſſes und beſtimmtes Schriftwort habe, ſo habe ich damit nachgewieſen, daß ſie nicht im Widerſpruch, ſon⸗ dern in vollſter Harmonie mit jeder anderen Lehre der Schrift ſteht; wie? das iſt nicht meine Sache, ſondern Gottes. Können wir dies oder jenes auch nicht zuſammenreimen, „welches uns auch zu thun nicht befohlen iſt“ (Concordienf. M. S. 715), ſo kann es doch unſer Gott. Er reimt alles aufs vortrefflichſte. Joh. Gerhard: „Das Urtheil über einen wahren Wider⸗