# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1884_S172 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 172 Lehrverhandlungen der 19ten Allgemeinen oder und wird doch nur ein Theil der Menſchen ſelig, ſo müſſen dieſe zu ihrer Seligkeit mitgewirkt haben. Das iſt eine zu verwerfende Vernunftfolgerung, obwohl die Vernunft, wenn nun einmal ihr Folgern gelten ſollte, nicht anders folgern kann. — In den Worten: Ihr waret todt durch Uebertre⸗ tungen und Sünden, iſt ausgeſprochen, daß der Menſch auch nicht die ge⸗ ringſte Kraft in ſich zur Bekehrung habe, daß infolge deß die Bekehrung einzig und allein das Werk Gottes ſei. Eine angeflickte Folge aber iſt, daß Gott nicht alle Menſchen ſelig machen wolle, oder bei denen, welche that⸗ ſächlich ſelig werden, eine Zwangsbekehrung ſtattfinde. Man ſchließt näm⸗ lich ſo: Iſt die Bekehrung allein Gottes Werk und bleibt, wie wir ſehen, ein Theil der Menſchen unbekehrt, ſo muß Gott dieſen Theil nicht haben bekehren wollen. Ferner: Iſt die Bekehrung allein Gottes Werk und auf Seiten des Menſchen durchaus kein Entgegenkommen, ſondern, ſo viel an ihm iſt, nur Widerſtreben, ſo muß die Bekehrung durch Zwang geſchehen. Mit ſolchen angeflickten Folgen hat man in jüngſter Zeit die Kirche ſchwer beunruhigt und manche Gemüther verwirrt. Hüten wir uns vor dem Rationalismus, der ſich jetzt wieder, auch dort, wo man ſich lutheriſch nennt, feſtgeſetzt hat. In ſeiner letzten Predigt, die Luther zu Wittenberg einige Wochen vor ſeinem Tode gehalten hat, kom⸗ men die Worte vor: „Bisher habt ihr das rechte wahrhaftige Wort ge⸗ hört; nun ſehet euch vor vor euren eigenen Gedanken und Klugheit. Der Teufel wird das Licht der Vernunft anzünden und euch bringen vom Glau⸗ ben, wie den Wiedertäufern und Sacramentſchwärmern widerfahren iſt, und ſind nun mehr Ketzerſtifter vorhanden.“ In dieſen Worten weiſt Luther mit prophetiſchem Geiſte darauf hin, daß der aus den Banden des Pabſtthums geriſſenen Kirche Gottes die Gefahr drohe, vom Rationalis⸗ mus (Vernunftglauben) angegriffen und verſchlungen zu werden. Die Erfahrung hat denn auch gelehrt, wie der Rationalismus in die Chriſtenheit eingedrungen iſt. Offen erklärten die Anhänger des groben Rationalis⸗ mus: „Nur die menſchliche Vernunft iſt Regel und Richtſchnur des Glau⸗ bens.“ Daher ſei nur das aus der Schrift als Artikel des Glaubens an⸗ zunehmen, was vor dem Urtheil der Vernunft beſtehen könne. Dieſelbe Vernunftreligion hat man in neueſter Zeit auch unter uns zur Geltung zu bringen geſucht; freilich in verdeckter Weiſe und manchen Verführten ſelbſt unbewußt. Man ſagte nicht nach Weiſe der alten Rationaliſten grob heraus: Unſere Vernunft leidet nicht die Annahme dieſer oder jener Lehre, ſondern man verſteckte ſich hinter die Schrift, ſchützte dieſe vor und ſprach: Sie, die Schrift, leidet es nicht, daß wir uns zu der Lehre bekennen. Die Schrift ſagt: Gott will, daß allen Menſchen geholfen werde. Dieſer ihr Ausſpruch leidet nicht die Lehre, daß die ewige Wahl Gottes eine Urſache des Glaubens und der Seligkeit der Auserwählten ſei. Alle Stellen der Schrift, die das zu beſagen ſcheinen, müſſen in einem anderen Sinne ge⸗ nommen werden. Aber auch dieſes Verfahren hat Luther ſchon als Ratio⸗