# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1884_S166 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 166 Lehrverhandlungen der 19ten Allgemeinen oder handeln, hineinzulegen. „Welche er zuvor verſehen hat“, mußte nun heißen: „welcher beharrlichen Glauben er zuvor gewußt hat“ u. ſ. w. — Es liegt alſo klar vor Augen: das Verfahren der Gegner beruht auf Verwerfung des Schriftwortes im Intereſſe der eigenen Gedanken, die man ſich unter Abſehung vom Schriftworte gemacht hat. Zugleich kämpfte man gegen das ausdrückliche Schriftwort mit ſoge⸗ nannten nothwendigen Folgerungen. Man ſagte: Nähme man die Lehre an, daß die Wahl als eine Urſache dem Glauben und dem Chriſten⸗ ſtand der Auserwählten vorangehe, ſo folgte daraus, daß Gott nicht alle Menſchen ernſtlich ſelig machen wolle. Um dieſer nothwendigen Folge willen müſſe man die Lehre, daß die Wahl eine Urſache des Glaubens ſei, fahren laſſen. Eigentlich hat man nur mit dieſen ſogenannten nothwen⸗ digen Folgerungen unſere Lehre bekämpft. Viele ſind durch ſolche Einwürfe in Unruhe verſetzt und verwirrt, manche ſicherlich nur dadurch von der Wahrheit zum Abfall gebracht worden. Man ſchrieb gegneriſcherſeits aus⸗ drücklich: „Sind richtige und nothwendige Folgerungen aus einer auf⸗ geſtellten Lehre falſch, ſo beweiſt das unwiderleglich, daß die Lehre ſelbſt falſch iſt.“ Und daß hier Vernunftfolgerungen gemeint ſeien, geht aus der folgenden gegneriſchen Ausſprache hervor: „Wenn Leute das nicht gel⸗ ten laſſen wollen, was durch Schlußfolgerungen in ihren Sätzen enthalten iſt (logically implied), ſo ſollten ſie ihre Aufſtellungen fahren laſſen oder modificiren.“ (Col. Mag. No. 3, 1881.) Auch dieſe Forderung beruht auf der Vorausſetzung, daß die einzelnen chriſtlichen Lehren vernunft⸗ gemäß zuſammenhängen, und zieht die Praxis nach ſich, daß das aus⸗ drückliche Schriftwort unter dem Vorgeben, man wolle ein widerſpruchloſes Ganzes, abgethan wird. Man ſtelle ſich die Sachlage klar vor: Die hei⸗ lige Schrift redet an all den Stellen, welche ausdrücklich von der Wahl handeln, ſo von der Wahl, daß der Glaube und überhaupt der ganze Chri⸗ ſtenſtand der Auserwählten als eine Wirkung ihrer ewigen Erwählung erſcheint. Dem gegenüber kommt man aber her und ſagt, dieſe Lehre ſei nicht zuzulaſſen; ſonſt würde folgen, daß Gott nicht alle Menſchen zum Glauben bringen und ſelig machen wolle. Um einer Folgerung willen alſo, die die menſchliche Vernunft machen zu müſſen meint, wird das aus⸗ drückliche Schriftwort verlaſſen und macht man ſich aus Stellen, die gar⸗ nicht von der Erwählung handeln, wie „Wer da glaubt, wird ſelig werden“ ſelbſt eine Lehre von der Erwählung zurecht, wie ſie der menſchlichen Ver⸗ nunft zu andern Lehren zu paſſen ſcheint. — Bleibt hierbei die Schrift noch die Quelle, aus welcher die Glaubensartikel geſchöpft, und die Regel, nach welcher die Glaubensartikel beurtheilt werden? Mit nichten! Wir haben hier wieder den Rationalismus! Nicht mehr die Schrift ſtellt Artikel des Glaubens, ſondern thatſächlich gibt jedesmal die menſchliche Vernunft jedem Artikel ſeine eigenartige Geſtalt. Wie ein Glaubensartikel beſchaffen ſein müſſe, beſtimmt in letzter Inſtanz die menſchliche Vernunft nach ihren