# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1884_S164 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 164 Lehrverhandlungen der 19ten Allgemeinen oder Sie redet von einer Herleitung der einzelnen Lehren aus dem ſogenannten Schriftganzen. Chriſtus ſelbſt und die Apoſtel ſollen ſich nicht ſowohl auf einzelne Schriftſtellen, als vielmehr auf das „Ganze“ der Schrift berufen haben, ein Wahn — nebenbei bemerkt — von dem man ſchon durch das Leſen einiger Kapitel im Matthäus curirt werden ſollte. Was man ſich unter dem beliebten „Schriftganzen“ eigentlich vorſtellig machen könne, hat wohl keiner ſeiner Erfinder je ernſtlich verſucht. Das Verfahren verläuft meiſtens ſo, daß man von allgemeinen chriſtlichen Wahrheiten ausgeht, aus dieſen die einzelnen Lehren durch Schlußfolgerung entwickelt und darnach ſich anſchickt, die alſo gewonnenen Lehren an der heiligen Schrift zu prüfen. Dieſem Verfahren liegt der Gedanke zu Grunde, daß die chriſtliche Lehre ein Syſtem oder ein organiſches Ganze im Sinne der Vernunft bilde, in wel⸗ chem ein Stück aus dem andern mit logiſcher Nothwendigkeit folge. Da⸗ her denn auch die Forderung, daß ſich das einzelne Schriftwort dem ſo⸗ genannten „Ganzen“ unterordnen müſſe. In Wirklichkeit ſtellt ſich dann die Sache ſo: Das einzelne ausdrückliche Schriftwort, welches nach dem Urtheile des theologiſchen Baumeiſters nicht ſo ohne weiteres in den auszuführenden Bau paßt, wird entweder ganz verworfen, oder doch ſo ab⸗ geändert, daß es ſich in das Ganze einfügt. Man nennt das auch wohl theologiſche Vermittelung. Zwiſchen die Ausſagen der Schrift werden Menſchengedanken eingeſchoben, welche bewirken ſollen, daß die der menſch⸗ lichen Vernunft zuſammenhangslos erſcheinenden Ausſagen der Schrift vernunftgemäß zuſammenhangen. Die Folge davon iſt, daß durch ſolche Ergänzungen die Schriftausſagen andere werden, als ſie in Wahrheit ſind. Menſchenwort, neben Gottes Wort geſtellt, hat immer die Wirkung, daß Gottes Wort verändert und verdrängt wird. Nehmen wir ein Beiſpiel aus den jüngſten Ereigniſſen, die unſere lutheriſche Kirche namentlich hier zu Lande mächtig bewegten. Da han⸗ delte es ſich unter andern um die Frage: In welchem Verhältniß ſteht der Glaube und der ganze Chriſtenſtand der Auserwählten zu ihrer ewigen Wahl? Sollen die Chriſten ihren Glauben und ihren Chriſtenſtand als eine Wirkung ihrer ewigen Erwählung anſehen, ſo daß die Wahl eine Urſache des Glaubens zu nennen iſt, oder geht der Glaube, der Chriſten⸗ ſtand, der Wahl voran, ſo daß die Wahl in Anſehung des beharrlichen Glaubens geſchehen iſt? — Wir haben Schriftworte, welche ausdrücklich von der Erwählung handeln. Apoſt. 13, 48. lautet alſo: „Und wurden gläu⸗ big, wieviel ihrer zum ewigen Leben verordnet waren.“ Wer ohne Vor⸗ urtheil dieſe Worte lieſt und ſie nimmt, wie ſie da ſtehen, der findet darin die Thatſache offenbart, daß jene Heiden, die damals zum Glauben kamen, gläubig wurden, weil ſie zum ewigen Leben verordnet waren. Ihre Ver⸗ ordnung zum ewigen Leben war eine Urſache, daß ſie in der Zeit zum Glauben kamen. Daher denn auch unſer Bekenntniß dieſe Stelle gerade da anführt, wo es die Wahl nennt „eine Urſache, ſo da unſere Seligkeit, und