# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1857_S22 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 22 Zu der Lehre von der Gnadenwahl und einigen damit zusammenhängenden ꝛc. ob und inwiefern es Freiheit gebe und auch den Kreaturen eigne oder ihnen abgesprochen werden dürfe. Gott nach dem Urgrund seines Wesens ist die höchste Freiheit des Willens, die unbeschränkte Macht bewußter Selbstbestimmung, vgl. Luther Th. XIX. S. 14 fgg.; die Nothwendigkeit, in welcher Weise es immer geschehen mag, zum schlechthin Ersten gemacht, ist mit dem reinen Begriff des Absoluten unverträglich; auch kann der Inhalt des göttlichen Selbstbewußtseins, die unendliche und sich schlechthin genügende Totalität, Seinem Willen, so zu sagen, nicht vorangehen, es wäre dann Sein Wesen für Ihn selbst ein Gegebenes. Der kosmologische Beweis treibt uns über das ganze Gebiet der Ursachen, die stets wieder zugleich Wirkungen sind, hinaus zur Anerkennung des Alles bedingenden Urseins, welches seine eigne Ursache ist. Wie kann aber dieses ewige Selbsthervorbringen Gottes anders möglich sein, als durch ein (freies) Wollen, das eben damit von sich weiß? Bewußtlose Triebe sind dieses nicht und setzen ein ursprünglich leidendes Verhalten, ein Bestimmtsein von etwas Anderem, Vollkommneren voraus; auch die Formen oder Ideen des Möglichen und die Gesetze des Denkens sind in der absoluten Selbstbestimmung Gottes gegründet; daß Sein Wesen die lautere Harmonie und ewige Ordnung ist, welche sie offenbaren und in der Sphäre des zeitlich und räumlich Existirenden abspiegeln, beruht nicht auf einer Ihn selbst beherrschenden Nothwendigkeit, sondern seiner prinzipiellen Freiheit. Ist Sein und Wollen in Gott nicht identisch, der Ursprung aller Wesenheit, so ist etwas Unabhängiges außer Seinem Willen, Gott nicht der alleinige Grund Seiner selbst, in Ihm ein Werden, wo das Sein auf irgend welchem Punkte noch ein Nichtsein an sich hat; ein Uebergehn aus einem Zustand in den andern, eine reale Succession der Zeit, wenn gleich die letztere als unendlich, in grenzenloser Ausdehnung gedacht, fällt in Ihn. (Vgl. dagegen Joh. 8, 58. 2 Petr. 3, 8. Ideale Zeit, sowie der vor dem Werden der Kreatur für sie mögliche Raum sind eben unsre inadäquaten Vorstellungen von der Ewigkeit und Unermeßlichkeit, die wir nicht anders haben können.) Gott ist ens a se ipso, talis est, qualem esse se voluit, sui origo suaeque causa substantiae; daher aseitas, autousia Ihm von den Kirchenlehrern zugeschrieben wird. Das Urwesen in seinem innersten Grunde ist sich selbst bestimmende Intelligenz, d. h. absolute Persönlichkeit, in sich seiendes, sich von der Welt unterscheidendes Wesen. Die Nothwendigkeit vermag nicht das Freie, sondern immer nur das Nothwendige aus sich zu gebären; die Freiheit hat ihrem Begriffe nach Alles in sich, sie kann ein von ihr Verschiedenes, eine unfehlbare Nothwendigkeit, sie kann zugleich eine Freiheit außer ihr setzen. Das Urwollen Gottes ist eine unendliche Wesensfülle in Ihm, Er will schlechthin das Leben und die Liebe (Ps. 80, 6. 1 Joh. 4, 16); Er kann darum Gegenstand voller ungetheilter Hingebung nach Sich gebildeter Persönlichkeiten und ihrer zweifellosen Zuversicht werden.