# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1857_S20 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 20 Zu der Lehre von der Gnadenwahl und einigen damit zusammenhängenden ꝛc. von der scientia Dei libera lehrt, daß Gott das Wirkliche erkenne in se tamquam in causa universali, wie in causis proximis et in rebus ipsis, so findet sie es nur im Sinn der Calvinisten, welche trennen, ohne zu vereinen, und alle kreatürliche Freiheit in einen bloßen Schein verwandeln, anzunehmen für bedenklich, daß Er die Futura contingentia zugleich in praedeterminatione voluntatis suae wisse; in dem Verstand, wie Luther davon redet, ist es keineswegs gefährlich, weßhalb er ja auch in der Auslegung der Genesis zu 1 Mos. 26, 9 (Th. II. S. 482) gar nicht zu retraktiren nöthig hatte, wenn er daselbst spricht: „Nun habe ich aber unter Anderem geschrieben, daß dessen, was einen Anfang hat,) das Auseinandertreten derselben in Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft gar nicht vorhanden sei; denn dadurch, daß Gott in Sich selbst der Ewige ist, schließt er von Seinem Denken die Erkenntniß der Zeitfolge niemals aus, sondern Sein Verstand und Wille umfaßt sie und geht durch sie hindurch, ohne irgendwie von ihr beschränkt zu sein. Aus Ihm, der ursprünglich ist, bricht sofort auf eine ewige Weise das hervor, was wir nach unserer Betrachtungsform ein Vorherwissen und Zuvorverordnen nennen, und zwar ohne daß von diesen göttlichen Aktionen selbst eine der andern vorging oder folgte, gleichwie sie alle an sich keine Begrenzung zulassen und nur, wie die Dogmatiker sagen, quatenus terminantur in creaturis, in einem Verhältniß zu wirklicher Zeit und Raum stehen. Es muß die Aufgabe uns immer bleiben, unter allen Gedankenverbindungen, die aus obigen Sätzen hervorgehen, das Bewußtsein der Unabhängigkeit Gottes und der Abhängigkeit des Endlichen ungeschwächt zu erhalten, so daß auch das, worüber wir nach Willkühr so oder anders entscheiden können, wir uns zugleich als völlig bestimmt durch Gottes Wissen und Wollen zu denken haben. Was das Böse anbetrifft, so heißt darum die göttliche Vorsehung und Regierung die zulassende, permittens, weil der Allmacht niemals Mittel fehlen können, es an und in seinem Entstehen zu verhindern, da es nur sein kann, wenn sie's — (nicht hindern) will; wo sie das Letztere im Einzelnen thut, oder wenigstens seine Wirkungen und Folgen beschränkt oder leitet, wie ihre weisen Absichten es erfordern, impediens, limitans, dirigens. Vgl. das Bild bei Luther von einem guten Reiter und seinem zu Schanden gewordenen Pferde, oder einem Zimmermann und einem wurmstichigen Holze ꝛc. S. 84 fg.) Scheint aber nicht dennoch der göttliche Weltplan und die Reihe der Wirkungen und Gegenwirkungen in dem Lauf der Dinge durch die freien Handlungen modifizirt zu sein, indem die Wahl derselben, wie sie so oder anders den Entschluß im Menschen faßt, eine ganz verschiedene Succession im Kausalzusammenhang hervorbringt, so daß Gottes Regieren und Vorsehen gewissermaßen als abhängig von der Kreatur gedacht werden müßte? Wäre dieß nicht eine völlige Verkehrung dieses Verhältnisses zwischen Ihm und dem, was von und in Ihm erst sein Leben hat? Nein — die Freiheit dessen selbst mit Allem, was von ihr nur ausgeht, ist durch Gott vermöge Seiner prothesis und prognosis. Er hat beschlossen von Ewigkeit her — denn „vor, in und nach der Zeit“, die mit der Welt entstand, ist Ihm ein ewiges Jetzt und Heute — eine ganze Reihe vernünftiger Wesen mit allen Entschlüssen und Handlungen, welche sie selbst wählen werden, und ihren Folgen, mit allen Gegenwirkungen, die von Seiner Seite erforderlich sind, um ungeachtet und durch dieselben Seine Zwecke zu verwirklichen — sie überschauend — in das Dasein einst zu rufen; also sind sie mit allen Handlungen ihrer Wahl nur durch den Willen Gottes, schlechthin abhängig von demselben, ohne daß doch ihre Freiheit, wie selbige auch zu denken sei, dadurch aufgehoben würde. Man könnte dieser Gedankenweise allerdings vorwerfen, daß sie Gott zu sehr vermenschliche. Allein, wie wir nach Gottes Bild geschaffen worden, so leitet uns die Schrift auch wiederum an, nach dem Abbilde eine Vorstellung vom Urbild uns zu machen; den Menschen, der das Sein empfing, theomorphisirte Gott, so ist zu anthropomorphisiren darum dem Menschen unerläßlich.