# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1878_S17 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 17 — Die Haupturſache unſerer Krankheit iſt offenbar der Mißverſtand und Mißbrauch des Evangeliums von der freien Gnade, das, Gott ſei ewig Lob dafür! in allen unſeren Gemeinden von Anfang an im Schwange gegangen iſt und noch heute im Schwange geht. Sollte alſo etwa das Mittel unſerer Heilung darin beſtehen, daß unſere Prediger nun eine längere Zeit nur das Geſetz predigen und des ſüßen Gnadenevangeliums ſchweigen, und daß unſere Gemeinden anſtatt einer evangeliſchen eine geſetzliche Kirchenzucht einführen und mit unerbittlicher Strenge durchführen? — Das ſei ferne! — Auf dieſe Weiſe würden wir nicht nur den vielen wahren Schäflein Chriſti unter uns die ihnen gebührende Weide, ohne die ſie verſchmachten müßten, entziehen und ſo aus den Hirten derſelben ihre Mörder werden; auf dieſe Weiſe würden wir auch die in geiſtlichen Tod Zurückgeſunkenen nur in dieſem Tode erhalten; ja, aus einer Kirche mit Aergerniſſen würden wir nur eine Kirche von Heuch⸗ lern machen. Nein, beides, Geſetz und Evangelium, muß auch fernerhin nebeneinander in allen unſeren Predigten erſchallen und beides auch die Grundlage unſerer Kirchenzucht bleiben. Folgen wir jedoch dem Beiſpiele unſeres hocherleuchteten Vaters Luther! Als derſelbe ſein großes Werk be⸗ gann, da fand er ein geiſtlich ausgehungertes, von Gottes⸗ und noch mehr von allerlei Menſchen⸗Geſetzen zerſchlagenes Volk vor. Dieſem Volke predigte er daher vor Allem das ſüße Evangelium. Es bezeugt dies unter Anderem ſeine köſtliche Kirchenpoſtille und ſeine zahlreichen von evangeliſchem Troſte triefenden kleinen und größeren Volksſchriften der erſten Zeit. Und von wie unausſprechlich reicher und herrlicher Frucht waren dieſe Schriften! — Als aber ſchon nach wenig Jahren nur zu Viele das Evangelium auf Muthwillen zogen, da ſchwieg er zwar nun des Evangeliums keinesweges. Noch im Jahre 1534 erklärte er vielmehr in einer Predigt, nachdem er über den Miß⸗ brauch des Evangeliums zu ſeiner Zeit bitter geklagt hatte: „Und doch ſoll und muß man den Glauben an Chriſtum predigen, es gerathe auch wie es wolle. Ich will viel lieber hören, daß man von mir ſage, ich predige zu ſüße und daß meine Predigt die Leute hindere an guten Werken (wiewohl meine Predigt ſolches nicht thut), denn daß ich den Glauben an Chriſtum nicht predigen ſollte, und wäre da keine Hilfe noch Rath für die blöden, geängſteten Gewiſſen.“ (XIII, 1327.) Allein, vergleichen wir Luthers frühere und ſpätere Schriften mit einander, ſo gewahren wir einen höchſt merkwürdigen Unterſchied. In beiderlei Schriften findet ſich zwar das Evangelium von der freien Gnade in ſeiner ganzen Fülle und Süßigkeit ohne alle Verſäuerung durch das Geſetz; während aber in den früheren das Evangelium vorherrſcht, ſo herrſcht hingegen in den ſpäteren ganz offenbar das Geſetz vor. Als daher die Antinomer, welche das Geſetz aus der Kirche entfernt wiſſen wollten, ſich auf Luthers frühere Schriften beriefen, da ſchrieb Luther unter Anderem Fol⸗ gendes im Jahre 1539: „Darum ſind die Antinomer billig werth, daß ihnen jedermann feind ſei, welche ſich mit unſerm Exempel aufhalten und ver⸗ theidigen wollen; ſo doch die Urſache am Tag iſt, warum wir im Anfang 2