# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1878_S12 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 12 — Scheiterhaufen, auf welchen, wie auf heiligen Altären, ganze Scharen ihr Leben dem HErrn zum Opfer des Dankes für ſein reines Wort darbrachten. — Aber ach! was geſchah? — Auch dieſer durch das reine Evangelium hervorgebrachte Geiſtesfrühling war nur von kurzer Dauer. Noch bei ſeinen Lebzeiten mußte Luther mit Erſchrecken ſehen, wie ſchnell man des unaus⸗ ſprechlichen Jammers vergaß, aus dem man durch das Evangelium befreit worden war, und wie bald die erſte ſo ſüße Freude der Gleichgiltigkeit, der Sattheit, ja, dem Ekel an jenem himmliſchen Manna Platz machte. Be⸗ kanntlich ſchon im Jahre 1524 hatte Luther ſeinen lieben Deutſchen in Be⸗ treff des großen Schatzes des Evangeliums, auf andere Länder und Völker hinweiſend, die denſelben verloren haben, prophetiſch warnend zugerufen: „Und ihr Deutſchen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben werdet; denn der Undank und Verachtung wird ihn nicht laſſen bleiben." (X, 540.) Und was Luther ſchon im Jahre 1524 hatte kommen ſehen, trat ein. Schon von dieſer Zeit an begannen immer mehr Hoffnungsblüthen am Baume der Kirche der Reformation, ehe ſie zur reifen Frucht kamen, zu verwelken; bis Luther endlich im Jahre 1541 den bitterſten Feinden des Evangeliums folgendes Geſtändniß thun mußte: „Ich muß leider bekennen, ob wir wohl die reine Lehre göttliches Worts und eine feine reine heilige Kirche haben, wie ſie zur Zeit der Apoſtel geweſen, in allen Stücken, ſo zur Seligkeit nütz und noth ſind, ſo ſind wir doch nicht heiliger noch beſſer, denn Jeruſalem, die heilige Gottes eigene Stadt, darin ſo viel böſer Leute mit unter waren; doch allezeit das Wort Gottes durch die Propheten rein erhalten ward. Alſo iſt bei uns auch Fleiſch und Blut, ja der Teufel unter Hiob's Kindern (Hiob 1, 6.). Der Bauer iſt wild, Bürger geizt, Adel kratzt: wir ſchreien und ſchelten getroſt durchs Wort Gottes, und wehren, was und ſo viel wir können; Gott Lob! nicht ohne Frucht; denn was von Bauer, Bürger, Adel, Herren ꝛc. ſich lehren läßt und höret, das iſt, Gott Lob! überaus gut und thut mehr, denn man begehret, etliche mehr, denn ſie vermögen; ob ihr wenig ſind, da liegt nicht an. . . . Summa, es darf des Lebens halben keines Disputirens; denn wir bekennen gern und frei, daß wir nicht ſo heilig ſind, als wir ſollen." (XVII, 1699. f.) So weit Luther. Und gerade da, wo damals das Licht am hellſten geſchienen hatte, unter Anderem in Wittenberg, da ſah es bald am traurigſten aus. Schon im Jahre 1537 ſagte es Luther ſeinen Wittenbergern in einer Predigt gerade heraus: „Ich predige euch allen, ſo hier zu Wittenberg ſind: wie viel ſind aber unter euch, die ſich aus meiner Predigt beſſern und das ſelige Licht mit Glauben annehmen, daß ſie dadurch erleuchtet werden? Wahrlich, das wenigere Theil gläubet meiner Predigt." (VII, 1493.) Während man aus allen Gegenden der Welt nach Witten⸗ berg eilte, um ſich hier an der Quelle zu laben, von welcher aus ſich Ströme über die ganze Chriſtenheit ergoſſen, mußte Luther im Jahre 1539 dem Burgemeiſter zu Wittenberg klagend ſchreiben, daß, während er in der Kirche predige, die Zimmerleute auf dem Kirchhofe hauten und polterten, daß man