# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 11 24_S41 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Heide geweſen war, die Beſchneidung nicht empfangen; da nun Paulus fürchtete, daß es bei den Juden Anſtoß erregen und den Ein— gaug des Evangeliums unter ihnen hindern würde, wenn er daſſelbe in Gemeinſchaft mit einem Unbeſchnittenen predigte, ſo gab er der Schwachheit ſeiner Brüder nach dem Fleiſche nach und ließ Timotheus beſchneiden, obgleich nicht lange vorher durch ein ganzes Coneilinm zu Jeruſalem der Beſchluß gefaßt worden war, daß die Heiden, welche Chriſten würden, nicht erſt die Beſchneidung annehmen müßten. Vergl. Apoſtg. 16, 1 — 4. Nach dieſer Lehre und dieſem Beiſpiele eines Apoſtels ſich richtend, heißt es daher in unſeren Symbolen ausdrück— lich: „Auch lehren die Unſern deutlich und klar, daß man der chriſtlichen Freiheit in den Din— gen alſo gebrauchen ſoll, daß man für den Schwachen, ſo ſolche nicht unterrichtet ſein, nicht Aergerniß anrichte, und daß nicht etwa diejenigen, ſo die Freiheit mißbrauchen, die Schwachen von der Lehre des Evangelii ab— ſchrecken; darum lehren auch unſere Prediger, daß ohne ſondere und ohne bewegende Urſa— chen an den Kirchengebräuchen nichts geändert ſoll werden, ſondern um Friedens und Einigkeit willen ſoll man diejenigen Gewohnheiten hal— ten, ſo man ohne Sünde und ohne Beſchwerung der Gewiſſen halten kann.“ (Apol. Art. 15.) Wie aber die Apologie mit dieſen Worten davor warnt, durch Abſchaffung der alten, in der Kirche von jeher gebräuchlich geweſenen Ceremonien die Schwachen zu ärgern, ſo warnt die Concordienformel eben ſo ernſtlich um des entſtehenden Aergerniſſes willen davor, nene Ceremonien falſchgläubiger Kirchen ein zu— führen, mit folgenden Worten: „So wer— den auch durch ſolch Nachgeben und Verglei— chen in äußerlichen Dingen, da man zuvor in der Lehre nichtcchriſtlich verei⸗ niget, die Abgöttiſchen in ihrer Abgötterei geſtärket, dagegen die Rechtgläubigen betrübet, geärgert und in ihrem Glauben geſchwächet, welches beides ein jeder Chriſt bei ſeiner Seelen Heil und Seligkeit zu meiden ſchuldig iſt, wie geſchrieben ſtehet: Wehe der Welt der Aerger— niß halben. Item: Wer den Geringſten ärgert derer, die an mich glauben, dem wäre es beſſer, daß ihm ein Mühlſtein an ſeinem Hals hinge, und er erſäufet würde im Meer, da es am tief— ſten iſt.“ (Concord. Wiederholung Art. 10.) Möchten doch ſolches warnende Wehe diejeni— gen beherziget haben, welche Diener der luthe— riſchen Kirche ſein wollen, und die, ohne an das Aergerniß der Schwachen zu denken, das ſie damit anrichten, faſt alle alte lutheriſche Ge— bräuche abgeſchafft und dafür die Ceremonien der reformirten Kirche angenommen haben. Sie werden einſt Gott dafür antworten müſſen, daß ſie durch ſolches Verfahren viele Luthera— ner an ihrer alten Mutterkirche irre gemacht und die Reformirt-Geſinnten in ihrem Wahne beſtärkt haben, daß die alte lutheriſche Kirche halb katholiſch geweſen und daß die reformirte die wahrhaft gereinigte und geläuterte Kirche ſei. Prediger, die ſo verfahren, meinen freilich oft wirklich, daß ſie gerade um der Schwachen willen ſo handeln müßten; daß ſie aber hierin 41 ſchwerlich irren, iſt nur zu klar, denn es gibt Gottes, ſchuldig ſeien vermöge Gottes Worts, noch einen dritten Fall, in welchem uns in Be— treff der Ceremonien nach Willkür zu handeln nicht frei ſteht. 3.) Auch dann hören nehmlich die Ceremo⸗ nien auf, freie Mitteldinge zu ſein, wenn ſie entweder als nothwendig von uns ge— fordert oder als ſündlich uns zum Gewiſ— ſen gemacht werden. Denn in dieſem Falle handelt ſich's keineswegs um eine gleichgültige Ceremonie (über welche einen Streit anzufan⸗ gen einem verſtändigen Chriſten freilich eine große Schande wäre), ſondern dann gilt es nichts Geringeres, als die Behauptung, oder Verleugnung der Wahrheit, inſonderheit des wichtigen Artikels von derſchriſtlichen Freiheit. Ehe ein Chriſt in einem ſolchen Falle, inſon— derheit den offenbaren Feinden der Wahrheit, oder auch den falſchen Brüdern auch nur in den ſonſt unſchuldigſten und geringſten Dingen weichen ſollte, muß er lieber alles über ſich er— gehen laſſen. Dieſes lehrt uns die heil. Schrift durch Wort und durch Beiſpiel. Alſo ſchreibt erſtlich St. Paulus: „So laſſet nun niemand euch Gewiſſen machen über Speiſe oder über Trank, oder über beſtimmte Feiertage, oder Neumonden, oder Sabbather. Laſſet euch niemand das Ziel verrücken, der nach eigener Wahl einher gehet in Demuth und Geiſtlichkeit der Engel . . . So ihr denn nun abgeſtorben ſeid mit Chriſto den Satzungen der Welt; was laßt ihr euch denn fangen mit Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt? Die da ſagen: Du ſollſt das nicht angreifen, du ſollſt das nicht koſten, du ſollſt das nicht anrühren, welches ſich doch alles unter Händen verzehret, und iſt Men- ſchengebot und Lehre.“ (Col. 2, 16 — 22.) Ferner: „So beſtehet nun in der Freiheit, da— mit uns Chriſtus befreiet hat, und laßt euch nicht wiedrum in das knechtiſche Joch fangen. Siehe, Ich Paulus ſage euch: Wo ihr euch beſchneiden laßt, ſo iſt euch Chriſtus kein nütze.“ (Gal. 5, 1. 2.) Dieſe Lehre hat Paulus auch durch ſein Beiſpiel beſtätigt. Denn obgleich derſelbe unter andern Umſtänden, in denen das Kleinod der reinen Lehre dadurch nicht gefähr— det wurde, um der Schwachen willen, wie wir oben gehört haben, nachgab und den Timotheus beſchneiden ließ, ſo wollte er hingegen den Ti⸗ tus durchaus nicht beſchneiden laſſen; den Grund dieſer veränderten Handlungsweiſe gibt der Apoſtel mit den Worten an: „Denn da etliche falſche Brüder ſich mit einge— drungen, und neben eingeſchlichen waren, zu verkundſchaften unſere Freiheit, die wir haben in Chriſto IEſu, daß ſie uns gefangen näh— men: wichen wir denſelbigen nicht eine Stunde, unterthan zu ſein, auf daß die Wahrheit des Evangelii bei euch beſtünde.“ (Gal. 2, 3 — 5.) Demge⸗ mäß heißt es denn in unſern Symbolen fol⸗ gendermaßen: „Wir glauben, lehren und be— kennen auch, daß zur Zeit der Bekenntniß, da die Feinde Gottes Worts die reine Lehre des heil. Evangelii begehren unterzudrücken, die ganze Gemeinde Gottes, ja ein jeder Chriſten-Menſch, beſonders aber die Diener des Worts, als die Vorſteher der Gemeinde die Lehre, und was zur ganzen Religion gehö— ret, frei öffentlich, nicht allein mit Worten, ſondern auch im Werk und mit der That zu bekennen, und daß alsdann in dieſem Fall, auch in ſolchen Mitteldingen den Widerſachern nicht zu weichen, noch leiden ſollen, ihnen die— ſelbigen von den Feinden zu Schwächung des rechten Gottesdienſtes, und Pflanzung und Beſtätigung der Abgötterei, mit Gewalt, oder hinterliſtig aufdringen zu laſſen, wie geſchrie— ben ſteht Gal. 5, 1. Item Gal. 2, 4. 5. Und redet Paulus an demſelbigen Ort von der Be— ſchneidung, welche zu der Zeit ein frei Mittel⸗ ding war (1 Cor. 7, 18.), auch in geiſtlicher Freiheit ſonſt von Paulo gebraucht ward. Apg. 16, 3. Da aber die falſchen Apoſtel zu Beſtätigung ihrer falſchen Lehre, als wären die Werke des Geſetzes zur Gerechtigkeit und Seligkeit vonnöthen, die Beſchneidung erfor⸗ derten und mißbraͤuchten, da ſpricht Paulus, daß er nicht eine Stunde habe weichen wollen, auf daß die Wahrheit des Evangelii beſtünde. Alſo weichet Paulus, und gibt den Schwachen nach, in Speiſe und Zeit, oder Tage. Röm. 14, 6. Aber den faͤlſchen Apoſteln, die ſolches als nöthige Dinge auf die Gewiſſen legen wollten, will er auch in ſolchen an ihm ſelbſt freien Mitteldingen nicht weichen. Col. 2, 16., und da Petrus und Barnabas in ſolchem Fall etwas nachgaben, ſtrafte ſie Panlus öffent— lich, als die in dem nicht richtig nach der Wahr— heit des Evangelii wandelten. Gal. 2, 14. Denn hie iſt es nicht mehr um die äußerlichen Mitteldinge zu thun, welche ihrer Natur und Weſen nach für ſich ſelbſt frei ſein und bleiben und demnach kein Gebot noch Verbot leiden mögen, dieſelbigen zu gebrauchen, oder zu un⸗ terlaſſen, ſondern es iſt 1. zu thun um den hohen Artikel unſeres chriſtlichen Glanbens, wie der Apoſtel zeuget, Gal. 2, 5. „„Auf daß die Wahrheit des Evangelii beſtehe,““ welche durch ſolchen Zwang oder Gebot verdunkelt und ver— kehret wird, weil ſolche Mitteldinge alsdann zu Beſtätigung falſcher Lehre, Aberglaubens und Abgötterei und zu Unterdrückung reiner Lehre und chriſtlicher Freiheit entweder öffentlich er— fordert, oder doch dzzu von den Wider⸗ ſachern mißbrauchet und alſo auf⸗ genommen werden. Desgleichen 2. iſt auch zu thun um den Artikel der chriſtlichen Freiheit, welchen zu erhalten der heil. Geiſt durch den Mund des heil. Apoſtels ſeiner Kirchen, wie jetzt gehöret, ſo ernſtlich befohlen hat.“ (Con— cordf. Wiederh. Art. 10.) Hiernach iſt's offen⸗ bar, ſchafft ein lutheriſcher Prediger die alten Ceremonien ſeiner Kirche ab und nimmt er da— für die Ceremonien falſchgläubiger Parteien an, weil die Falſchgläubigen den Lutheranern ihre Ceremonien zum Gewiſſen machen und ſie als ſündlich, abergläubiſch, abgöttiſch, papiſtiſch verdammen, und weil ſelbige ihre Ceremo— nien (wie die Reformirten z. B. das Brod⸗ brechen) für die allein rechten erklären und als nothwendig fordern: ſo verleugnet ein ſol— cher Prediger den wichtigen Artikel von der chriſtlichen Freiheit, läßt ſich wieder unter ein altteſtamentliches knechtiſches Joch fangen und