# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1872_S89 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 89 — Lehrern muß vor allen Dingen Zucht geübt werden. Woher kommt der trau⸗ rige Zuſtand der lutheriſchen Landeskirchen Deutſchlands? Von der Satt⸗ heit in Betreff des lieben Gotteswortes einerſeits und von dem Mangel aller Zucht andererſeits. Chriſtus will Zucht haben. Die Kirche ſoll nicht ein Hörſaal ſein, wo der Prediger docirt und dann ſeine Wege geht, unbekümmert um ſeine Zuhörer und deren Verhalten gegen Gottes Wort. Die Gemeinde ſoll nicht zum Prediger ſprechen und ihm ſo ſeine Stellung anweiſen: Pre⸗ digen Sie, aber ſonſt bleiben Sie möglichſt fern von uns, um unſer Leben haben Sie ſich nichts zu kümmern. Wenn unſere Deutſchen nach Amerika kommen und hören da von Kirchenzucht und Bann, ſo denken ſie freilich, das ſei Pfaffenherrſchaft oder eine abſonderliche Sectirerei. Es iſt aber der klare Befehl Gottes: „Thut von euch hinaus, wer da böſe iſt“; ferner: „Siehſt du deinen Bruder ſündigen, ſo gehe hin und ſtrafe ihn.“ Ueben wir keine Zucht, ſo geben wir die Kirche Preis. Nur muß ſie in evangeliſchem Geiſte, nicht ge⸗ ſetzlich geübt werden. Die drei Stufen der Ermahnung dürfen nicht ſo hinter einander gehalten werden, wie der Auctionator ſeinen Hammer fallen läßt. Bei einer herz⸗ und liebloſen Weiſe iſt Gott nicht dabei. Unſer Wunſch bei Ausübung der Zucht und Vermahnung ſoll immer ſein, die Seelen zu retten. Oeffentliche Kirchenzucht iſt aber nicht möglich, wenn nicht brüderliche Privat⸗ beſtrafung geübt wird; ohne dieſe fällt jene nothwendig in den Brunnen. Dies erinnert uns an einen großen Schaden in unſern Gemeinden, an das Afterreden. Dies geht arg im Schwang, aber dem Bruder, der Schweſter ihren Fehl ins Geſicht ſagen, davor ſcheut man ſich. Ich werde kein Narr ſein, ſpricht man, und mir Feinde machen. Am traurigſten ſteht es, wenn der Prediger ſelbſt ſo denkt. Die Menſchen wollen freilich nicht die Wahrheit zu ihrem Heile hören, ja, ſie wollen belogen und betrogen ſein; aber in der Ewig⸗ keit, wenn es zu ſpät iſt, werden ſie dann ſagen: Ihr ſchändlichen Pfaffen, warum habt ihr uns nicht geſagt, was ſündlich an uns war? warum habt ihr uns nicht ermahnt und geſtraft? — Auch dies Geſagte ſollen ſich wiederum die Herren Deputirten doch ja recht merken und in die Gemeinden bringen. Hiemit wurden denn die Verhandlungen über die Theſen wegen ſo vieler der Erledigung dringend bedürftiger Geſchäfte abgebrochen. —