# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1872_S78 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 78 — und nebenher in aller ſeiner Kraft und Schärfe gepredigt wird, da kann auch das Evangelium ſeine Kraft nicht beweiſen. Dieſes kann ja nur da ge⸗ ſchehen, wo das Geſetz vorher im Herzen Hunger und Noth gewirkt hat. Dann ſind auch, weil keine wahre Zerſchlagenheit und Zerknirſchung und kein wahrer Glaube und keine lebendige Erquickung der Seele gewirkt iſt, die Werke nur matt und werden nur ſchläfrig gethan. Es muß zwar der Troſt des Evangeliums recht reichlich ausgetheilt werden: derſelbe wird aber nur von heilsbegierigen Seelen angenommen. Solcher Seelen gibts aber nicht viele, weil wohl öfters es auch an der Predigt fehlt, in welcher Sündennoth und Elend nicht eindringlich genug vorgeſtellt wird. Es iſt zu fürchten, daß wir da nicht genug thun. Hier wurden aus der Vorrede des alten Dr. Walch ein paar treffende Stellen zu Stocks homiletiſchem Lexikon mitgetheilt. — Noch wurde bemerkt, daß der Teufel Liſt gebraucht, wenn er Schaden anrichten will. Der Grundſatz iſt ja wahr, wenn einer nur Gottes Wort predigt, ſo iſt es genug, er kann nichts zur Wirkung hinzuthun: aber falſch iſt dieſer Grundſatz angewendet, wenn einer nun denkt oder ſpricht: es kommt auf meine Treue nichts an, ich kann leichtſinnig ſein im Verabfaſſen und Halten meiner Predigten, wenn nur nicht gerade etwas Falſches darin vor⸗ kommt. Es ſoll das Wort Gottes mit dem höchſten Fleiß, in rechter Ord⸗ nung vorgetragen werden. Gott hat nicht nur verſchiedene Gaben gegeben, es iſt auch ein großer Unterſchied in Hinſicht auf die Treue. Wahrhaft treue Diener des HErrn, wenn auch ſchwachbegabt, wachſen in der Geſchicklichkeit, das Wort Gottes zu handeln. Entſetzlich wäre es, wenn wir mit unſerm Bekenntniß ſagen wollten: die gute Predigt erhält die Leute bei der Kirche“, während wir doch ganz gleichgiltig darüber wären, ob unſere Predigt auch gut ſei. Man denke nur an den Amts⸗Namen eines Predigers, daß er ein Hirte heißt. Denn wie ein Hirte ſeinen Schafen auch nicht das Futter in den Haufen hinwirft, unbeſorgt, ob es gut ſei, oder ob ſich ſeine Schafe daran krank eſſen, ſo ſoll auch ein Seelenhirte ſeinen Schafen ihre Seelenſpeiſe mit allem Fleiße und mit großer Sorgfalt reichen. Beſonders iſt die Gefahr, weniger ſorgfältig ſich auf ſeine Predigt vorzubereiten, bei ſolchen Predigern nahe, welche kleine Gemeinden, und alſo wenig Zuhörer haben, oder nur einfältige Leute. Wehe dem Prediger, wenn er denkt, irgend etwas, was er vortrage, ſei für ſeine Leute gut genug. Er ſoll bedenken, erſtlich, daß ſeine Hörer unſterbliche Seelen ſind, durch Chriſtum theuer erkauft, die er ſelig machen ſoll, und zum andern, daß er außer dieſen noch andere Zuhörer habe, nämlich die heiligen Engel, ja, den großen Gott ſelbſt; er ſoll deshalb das Beſte geben, was er hat, was er geben kann. Allerdings iſt es wahr: durch unſere Kunſt wird Gottes Wort nicht beſſer, aber eben am Wort, nämlich an der rechten Auswahl ſeines Inhalts wird es fehlen, wenn wir in unſeren Predigten keinen Fleiß und Ernſt anwenden; es muß auch in ſeinem Zuſam⸗ menhang, in ſeiner Fülle, in ſeiner Tiefe vorgetragen werden. Prediger, welche