# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1872_S77 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 77 — Man kam in der Beſprechung noch einmal auf den Ausdruck: „das Geheimniß des Glaubens in gutem Gewiſſen bewahren“, zurück. Es iſt dies ein bibliſcher Ausdruck, da St. Paulus dem Timotheus vorhält (1 Tim. 3, 9.), es ſei nicht genug, die reine Lehre im Kopfe zu tragen, ſondern, wenn man die Lehre des Glaubens vortrage, müſſe man dabei auch ein gutes Gewiſſen haben. Predigt ein Prediger alſo Buße, ſo ſoll es nicht ſo ſtehen, daß es in ſeinem Gewiſſen heißt: was willſt du andern Buße predigen und du thuſt ſelbſt keine Buße; oder vermahnt er zum Glauben und hält ihn andern vor, ſo darf es nicht in ſeinem Innern heißen: du haſt ſelbſt keinen Glauben; oder wenn er zur Heiligung ermahnt, ſo darf es in ſeinem Gewiſſen nicht heißen: du legſt ſelbſt keinen Fleiß an in der Heiligung. Ein Prediger, welcher ein gutes Gewiſſen haben will, muß ſelbſt täglich in wahrer Buße ſtehen, ſonſt heißt es von ihm, als einem Gottloſen: „Was nimmſt du mei⸗ nen Bund in deinen Mund, ſo du doch Zucht haſſeſt und wirfſt meine Worte hinter dich?“ Jede Predigt, welche er andern thut, muß zuerſt eine an ihn ſelbſt gerichtete Predigt ſein. Er ſoll nicht in ſeinem Gewiſſen die Stimme Gottes vernehmen müſſen: Schweige, du Heuchler! — Die ſogenannte todte Orthodoxie iſt etwas ganz Erſchreckliches. Da lernen ſie die reine Lehre aus⸗ wendig, verarbeiten ſie in ihrem Kopfe, aber ſind ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Gott will nichts von ſolchen Predigern wiſſen. Die Pre⸗ diger ſollen nicht bloße Lichtträger ſein, ſondern Lichter; ſie ſollen nicht blos Salzgefäße, ſondern ſelbſt Salz ſein. Zehnfache Verdammniß trifft den, welcher andern Buße predigt, und thut ſelbſt nicht Buße. Eine weitere Forderung, welche an uns Prediger geſtellt wird, lautet: dieſelben ſollen ſich auf ihre Predigt ſorgfältig vorbereiten. Dieſes iſt nöthig, theils damit die Predigt gründlich ſei, theils damit ſie wohl geordnet ſei. Eine ungeordnete Predigt ſchafft nicht den Nutzen, den ſie ſchaffen könnte, wenn das in ihr Enthaltene in rechter Ordnung folgte. Sorgfältig ſich auf ſeine Predigt vorbereiten, heißt: nach dem Gebet um Gottes Hilfe und Erleuchtung den Text auch recht betrachten, ſich recht in ihn verſenken. Es ſind ja nach alter Regel drei Stücke, welche einen Theologen machen, alſo auch einen Prediger: Gebet, Betrachtung und Anfechtung. Zur Betrach⸗ tung gehört nun auch gewiß das rechte Theilen des göttlichen Wortes nach ſeinen Haupttheilen, Geſetz und Evangelium. Vielfach bekommt man, auch wenn man Predigten von Gliedern unſerer Synode hört, den Eindruck, als würde das Geſetz viel zu wenig in ſeiner furchtbaren Beſchaffenheit, als das Amt, das die Verdammniß predigt, vorgelegt. Um nur nicht geſetzlich zu werden, laſſen wir es ganz auf der Seite liegen oder behandeln es nicht mit der rechten Gründlichkeit. Von dieſem Mangel kommt wohl auch die ſchon gerügte Sattheit her, welche in unſern Gemeinden zu vermerken iſt. Wenn das Geſetz nicht recht gepredigt wird, dann werden die Hörer auch nicht recht arme Sünder, und wenn ſie ſchon arme Sünder waren, werden ſie doch nicht täglich ärmere Sünder, was doch ſein muß. Wo das Geſetz nicht vorher