# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1872_S76 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 76 — Hierbei wurde auf Luthers Wort aufmerkſam gemacht, daß durch die Sünde der Sicherheit mehr Seelen verloren gingen, als durch alle ſonſtigen Sünden und Irrthümer zuſammengenommen. Dieſe Sünde iſt es beſon⸗ ders, wegen welcher wir gerade auch auf unſerer Hut ſein müſſen. Gibt man ſich der Sicherheit hin, ſo iſt man mit ſich ſelbſt zufrieden, man ſtimmt ſeine Forderungen in Betreff ſeiner Amtspflichten immer mehr herunter, man denkt allzu ſchnell, man habe genug und über genug gethan, obwohl man kaum angefangen hat, etwas zu thun. Da ſoll man ſich nun immer vor⸗ halten, was Gottes Wort von uns fordert. Petri Wort von dem herum⸗ ſchleichenden Löwen, der da ſucht uns zu verſchlingen, komme dem Prediger nie aus dem Sinn. Eben ſo jenes Wort: „Schaffet eurer Seelen Seligkeit mit Furcht und Zittern.“ Wir ſollen in täglicher Sorge leben, in allen Stücken treu zu ſein. In Leichtſinn und Sicherheit liegt eine Hauptgefahr für uns. Weil wir die Lehre rein haben, ſo ſtehen wir in Gefahr, uns ſchon auf den Beſitz der reinen Lehre zu verlaſſen. Ach, es iſt eine arge Liſt des Satans, wenn man ſich durch den Gedanken: es liegt ja alles an der reinen Lehre und an Gottes Gnade, an deinem Thun liegt es ja gar nicht, träg und ſicher machen läßt! Noch wurde bemerkt, es ſei viel ſchwerer, den Schatz der reinen Lehre und des rechten Glaubens und gottſeligen Lebens bewahren, als ihn über⸗ kommen. Zum Bewahren gehört, daß wir durch Gottes Gnade auch treu ſind, daß wir allen Fleiß anlegen, und zwar nicht nur den Glauben zu be⸗ halten, ſondern auch geiſtlich zu wachſen und zuzunehmen. Es iſt ein er⸗ ſchütterndes Wort des HErrn, da er ſagt: „Wer da hat, dem wird gegeben, wer aber nicht hat, dem wird auch genommen, was er hat.“ Nur dann be⸗ wahren wir alſo den Schatz wirklich, wenn wir auch zunehmen. Es darf im Geiſtlichen nie ein Stillſtand eintreten. Stillſtand iſt Rückfall. So wenig in der Natur ein Stillſtand ſtattfindet, ſo wenig auch im Reiche Gottes und der Gnade. Den Schwärmern gegenüber müſſen wir Prediger allerdings hervor⸗ heben: der Menſch mit all' ſeiner Kunſt vermag nichts; das Wort Gottes aber iſt und bleibt eine Kraft Gottes und wenn, wie unſre Alten zu ſagen pflegen, auch der Teufel ſelbſt es predigte; aber wie unglückſelig wäre der, welcher dächte: wenn ich nur das Wort, ohne Verfälſchung, wie es mir in Mund und Feder kommt, treibe, ſo iſt das genug; es iſt ja eine Gotteskraft. Bei ſolcher Ge⸗ ſinnung werden wir den Schatz des reinen Wortes nicht lange bewahren. Hierbei wurde noch bemerkt: Wir jüngern Prediger haben ſo ſchwere geiſtliche Kämpfe nicht durchgemacht, wie die Väter in unſerer Synode. Wir können uns die Größe dieſer Kämpfe kaum vorſtellen, da man nämlich aus allen möglichen Irrthümern ſich erſt zur vollen Wahrheit hindurchkämpfen mußte. Darum ſtehen wir aber auch um ſo mehr in Gefahr, dieſen Schatz der reinen Lehre nicht ſo zu achten und weniger treu zu bewahren, als unſere Synodal⸗Väter, welche ſich dieſen Schatz auf eine ganz andere Weiſe erſt haben erkämpfen müſſen. —