# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1872_S75 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 75 — und er wiederholt dieſe Ermahnung auch 1 Tim. 4, 16. Ein Prediger kann nicht recht auf die Gemeinde Acht haben, wenn er nicht zunächſt auf ſich ſelbſt recht Acht hat. Der Teufel ficht einen jeden Chriſten an, aber einem Predi⸗ ger ſtellt er auf zehnfach ſtärkere Weiſe nach; denn fällt er einen Chriſten, ſo hat er nur Einen gefällt, gelingt es ihm aber, einen Prediger zu Fall zu bringen, ſo zieht er meiſtentheils eine Menge anderer mit ins Verderben. Um ſo größer muß daher auch die Wachſamkeit ſein, welche ein Prediger zu üben hat. Bei den Prieſtern der römiſchen Kirche iſt es nach ihrem Glauben nicht ſo nöthig, daß der Prieſter auf ſich ſelbſt recht achte, denn da glaubt man, daß der Prieſter kraft der empfangenen Weihe eine beſonders heilige, mit beſonderen Vorzügen ausgeſtattete Perſon ſei und dieſes auch bleibe wenn auch an ſeinem Leben und Wandel noch ſo viel zu tadeln ſein möchte; denn er bleibe trotzdem doch die Perſon, welche allein Macht habe, Meſſen zu leſen, zu abſolviren, das Sacrament zu machen u. dergl. Anders bei den Lutheranern. Da heißt es: wenn ein Prediger auch rein lehrt, aber nicht recht lebt, ſo reißt er durch ſein unheiliges Leben wieder ein, was er durch ſeine Lehre gebaut hat. Dazu wird der gewißlich kein guter Wächter in der Gemeinde ſein, welcher nicht einmal über ſich ſelbſt wacht, und wird der, wel⸗ cher nicht dafür ſorgt, daß es ihm ſelbſt ewig wohl gehe, hingegen für ſeine Gemeinde ſorgen? Es heißt von den Predigern ausdrücklich, ſie ſollen Vor⸗ bilder der Heerde ſein. O daß wir dies in dieſer Jubelzeit recht zu Herzen nehmen möchten! Es werden leider! auch unter uns Klagen laut, daß Pre⸗ diger nicht rückſichtsvoll wandeln. Das iſt etwas höchſt Beklagenswerthes. Solche Prediger können nimmer verantworten, was ſie thun; ſie thun einen erſchrecklichen Schaden. Das Aergerniß, welches ein Prediger gibt, iſt tau⸗ ſendfach größer und ärger, als das, welches ein gewöhnlicher Chriſt mit einem noch ſo ſchweren Falle gibt. Man ſagt, mit einem Prediger, welcher in Sünden dahin lebt, müſſe man Nachſicht haben — aber nein, mit einem ſol⸗ chen Prediger ſoll man keine Nachſicht haben um des Amtes willen, welches er ſchändet, um des Schadens willen, welchen er durch ſein böſes Leben auch bei andern anrichtet. Ein Prediger ſoll ſo leben, daß er die Nachſicht der Leute nicht zu beanſpruchen nöthig hat; er ſoll erbaulich leben; er ſoll das Evan⸗ gelium zieren mit einem heiligen Wandel; das iſt Gottes Wille, wehe ihm, wenn er es nicht thut! — Es wurde nun beſonders erläutert, was es heiße, der Prediger ſolle das Geheimniß des Glaubens in reinem Gewiſſen bewahren. Es heißt, er ſoll das Evangelium nicht durch Sünden wider ſein Gewiſſen verleugnen, denn thut er das, ſo verliert er den Glauben und nachdem er den Glauben ver⸗ loren hat, welcher ihn ſelig macht, verliert er nach und nach auch die reine Predigt des Glaubens; ſo daß er auch ſeine Zuhörer in ſein Verderben mit hineinzieht. Lebt er dann auch noch in groben Sünden wider das Gewiſſen, ſo reißt er durch Aergernißgeben mit der einen Hand nun nieder, was er früher mit der andern aufgebaut hatte.