# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1872_S72 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 72 — nere mich der Zeit, daß ich als Student zu Männern pilgerte, die ſehr wenig gaben, aber trotzdem erſchien es mir wie eine fürſtliche Tafel. Da nahm man jedes Wort von den Lippen und war unausſprechlich glücklich darüber, daß man ſo viel empfangen, ſchrieb alles auf und hob es auf, wie ein Heiligthum. Wenn einmal ein Prediger eingeſetzt wurde, von dem man hörte, der wäre auch gläubig, da ſtrömte man hin. Da hielt keine Hitze, keine Kälte, kein Schnee und kein Regen ab, Strecken von 3 bis 9 Stunden zurückzulegen, um in die Kirche zu kommen. Und doch, ſelbſt da, wo das liebe Wort Gottes noch erſcholl, war es doch nicht in der Fülle vorhanden, in der wir es haben, ſo daß doch das arme Herz nicht gewiß werden konnte ſeiner Seligkeit. Und jetzt? So ſchwach wir auch ſind, ſo wird doch in unſeren Kirchen allgemein alſo gepredigt, daß, wer nicht widerſtrebt, ſeiner Seligkeit gewiß werden kann. Die Leute werden ja zu Chriſto gewieſen. Aber wie ſiehts unter uns aus? namentlich in den alten Gemeinden? Einmal geht man wohl noch zur Kirche, das iſt aber vielen auch genug. Nachmittags will man nicht gehen. Die Kinderlehre ſchmeckt nicht. Woher kommt dieſe überaus bittere Wahr⸗ nehmung? Weil man ſatt geworden iſt, — ſatt. Ach, wie ſchrecklich! An wie vielen Gemeinden muß man merken, ſie merken bei einer Predigt nur auf, ob die Form derſelben untadelig ſei, ob ſie ſchwung- und blumenreich ſei, ob der Prediger eine gute Stimme habe, gut geſtikulire; wo man das findet, da geht man noch gern hin; ſieht dagegen der Prediger verzagt aus, iſt er vielleicht gar der Sprache nicht ganz mächtig, fällt der Wagen einer Periode zuweilen um, weiß der Prediger die Schönheiten der Sprache gar nicht zu benutzen; aber das reine Evangelium iſt da; wer ihn hört, kann lernen, wie er ſelig werden ſoll, wenn er nur aufnimmt, was er hört; — das iſt den meiſten nicht genug. Wie ein Dolch geht mirs immer durchs Herz, wenn ich aus der Kirche komme, und es iſt das Erſte, was ich äußern höre: Der hat aber heute auch angeſtoßen, oder, es war keine rechte Ordnung in der Predigt, oder, ſie war zu lang oder zu kurz, oder, er blieb nicht immer beim Text; ja, wie ein Dolch gehen mir ſolche Reden durchs Herz, wenn ich gemerkt habe, es war doch die theuere Lehre von der Erlöſung, ſo durch JEſum Chriſtum geſchehen iſt, wirklich darin. Da erinnere ich mich der Zeit, wo ich ſolch eine Predigt ſo köſtlich wie Marzipan gefunden hätte, und ich konnte ſie nicht haben, denn ich mußte hauptſächlich leben von den Todten. Ich war faſt in Verzweiflung, denn ich wollte den rechten Weg zum ewigen Leben erkennen, aber da war Niemand, der mich durchs Evangelium zum Glauben führte, ſondern allein mit geſetzlichem Angſt⸗ machen und Schrecken meinte man die Welt retten zu können. Das Evan⸗ gelium von der freien Gnade Gottes durch den Glauben war nicht zu hören. Und wir? Wir werden geführet wie eine Heerde auf die Weide im grünen Klee. Noch ſprechen wir ſo vielfach, wie die Juden in der Wüſte von dem Himmelsbrod: „Uns ekelt über dieſer loſen Speiſe.“ Weiter wurde geſagt: Luther ſchon ſagte: „Die verfluchte Sattheit, die iſts, die wird uns noch ſtürzen, wenn wir nicht wahrhaft Buße thun und umkehren.“ Wir haben