# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1872_S55 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 55 — zeit war. Wir leugnen nur, daß die lutheriſche Kirche Vollmond habe, daß ſie aber das letzte Viertel habe, leugnen wir nicht. Das iſt allerdings auch zu betonen, damit man nicht meine, wir wollen fanatiſch das Kind mit dem Bade ausſchütten. Wir behaupten allein: Es gibt keine lutheriſche Kirche in Deutſchland mehr, wie zu Luthers und Gerhards Zeit, wo man mit allem Ernſt die ganze Bibel für Gottes Wort und die Concordia für die reine, klare und wahre Darlegung desſelben hielt, wo, ſobald ſich ein Predi⸗ ger regte, der in einem Punkte von dem Worte Gottes und dem Bekenntniß abging, ihm der Prozeß gemacht wurde. Auch wir ſind noch keine ſolche Kirche, wir möchten es aber gerne werden und ſein und danken Gott, daß er uns ſo weit gebracht hat. In unſerer Synode ſoll nie ein Wort gegen unſer Concordienbuch gehört werden. Wer ein ſolches fallen läßt, dem wider⸗ ſetzen wir uns ſogleich. Wir wollen nichts Neues. Wir wollen die alte Kirche unſerer Väter. Wir möchten ſo wandeln, wie ſie, ſo glauben, wie ſie, ſo bekennen, wie ſie, ſo leiden, wie ſie, und einſt ſo ſelig werden, wie ſie, ſo triumphiren, wie ſie, vor Gottes Thron. Hierbei wurde die Befürchtung ausgeſprochen: ſo richtig die gegebene Erklärung des angenommenen Satzes ſei: „Weil man in Deutſchland die Schrift nicht ausnahmslos als Gottes Wort anerkenne, ſo könne nicht von lutheriſcher Kirche in Deutſchland die Rede ſein“, ſo könne doch jener Satz von Gemeindegliedern, die ihn leſen, leicht falſch verſtanden werden. Er gebe unſern Feinden, die alles anfechten, Gelegenheit, uns für die hoffärtigſten Geiſter auszuſchreien, er könne leicht manche uns entfremden, die jetzt gegen uns freundlich geſinnt ſeien. Man ſollte daher dieſen Satz entweder ſtreichen oder ihm eine Erklärung beifügen. Allein man entgegnete: Man glaube nicht, daß dieſer Satz leicht falſch zu verſtehen ſei, wenn man ſich nur an den faſt allgemeinen Abfall in der lutheriſchen Kirche Deutſchlands recht erinnere. Auf den Einwand: Es ſeien doch Gemeinden in Deutſchland, die unab⸗ hängig daſtehen wie die des Herrn Paſtor Brunn und Harms, da könne man doch nicht ſagen: Es iſt keine lutheriſche Kirche da, wurde geantwortet: Wir leugnen nicht, daß es ſehr viele lutheriſche, und zwar rein lutheriſche Gemeinden in Deutſchland gibt. Aber das ſagen wir: Sofern in einer Kirche falſche Lehre im Schwange geht, ſofern iſt ſie nicht mehr lutheriſch. Eine ähnliche Unterſcheidung macht auch Luther. Wie oft ſagt er nicht: Wir ſollen unterſcheiden zwiſchen Pabſtthum und römiſcher Kirche, zwiſchen römiſcher Kirche und dem römiſchen Stuhl! Die römiſche Kirche, ſagt er, iſt die beſte Kirche auf der Welt, den römiſchen Stuhl aber ſoll man fliehen als des Teufels Stuhl. So ſprechen wir auch. Wir ſagen: Sofern die ſoge⸗ nannten lutheriſchen Landeskirchen Deutſchlands in und mit ihren Pro⸗ feſſoren falſche Lehre führen und dulden, ſind ſie nicht lutheriſch, ja nicht chriſtlich, ſind ſie zu fliehen. Damit aber ſagen wir nicht, daß die chriſtliche, ja nicht, daß die lutheriſche Kirche nicht da wäre. Sie iſt da, aber verderbt. Nachdem hierauf beſchloſſen war, in den Verhandlungen fortzufahren,