# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1872_S54 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 54 — den Worten: „Daß, in der Zeit eines faſt allgemeinen Abfalls vom luthe⸗ riſchen Glauben“ u. ſ. w. wurde noch bemerkt: Es iſt merkwürdig, wie Luther dieſen Abfall mit prophetiſchem Geiſte ſo klar vorausgeſehen hat. In ſeiner letzten Predigt zu Wittenberg ſagt er: „Ihr habt jetzt das reine und wahrhaftige Wort Gottes; aber hütet euch vor euren eigenen Gedanken und Klugheit; denn der Teufel wird das Licht der Vernunft anzünden und euch vom Glauben bringen.“ Das iſt im Rationalismus erfüllt worden. Die Rationaliſten ſagten: Nur was der menſchlichen Vernunft entſpricht, iſt Wahrheit; was nicht der menſchlichen Vernunft entſpricht, iſt Irrthum und Aberglaube. Wird dieſer Grundſatz erſt allgemein angenommen, dann iſt das Anſehen der heiligen Schrift und die lutheriſche Lehre dahin und der Abfall greift immer weiter um ſich. So iſt die Urſache des faſt allgemeinen Abfalls vom lutheriſchen Glauben und auch der großen Zerriſſenheit der lutheriſchen Kirche die: Man folgt ſeinen eigenen Gedanken und ſeiner eigenen Klugheit. Man nimmt ſeine Vernunft nicht gefangen unter dem Gehorſam des Glaubens. Das war zu Anfang dieſes Jahrhunderts ſo ſchlimm, daß von Feinden der Wahrheit geſagt wurde: Die chriſtliche Kirche habe aufgehört zu exiſtiren, daß auf Kanzeln in Deutſchland geſagt wurde: Wenn du dein Elend füh⸗ leſt, ſo hülle dich in deine Tugend. Angeſichts dieſer Thatſachen müſſen wir uns wundern über die große Gnade Gottes, daß er uns das Licht ſeines Evangelii wieder gegeben hat. Nach dieſer Bemerkung ſagte ein Glied der Synode: Die im ange⸗ nommenen Protokoll enthaltenen Worte: „Weil man in Deutſchland die Schrift nicht Wort für Wort als Gottes Wort anerkenne, ſo könne nicht von lutheriſcher Kirche in Deutſchland die Rede ſein“, ſcheinen ihm zu hart zu ſein. Hierauf wurde erwiedert: Wir glauben, daß viele theure Lutheraner, viele vortreffliche Männer in Deutſchland ſind; aber die Organiſationen ſind nicht mehr lutheriſch. Sie ſtecken mit in verderbten Gemeinſchaften. Es iſt eben das die alte Synekdoche, daß man eine Sache bezeichnet bald nach ihren Mängeln, bald nach ihren Vorzügen. Nach dieſer Synekdoche reden unſere alten Väter bald von der reformirten Secte, bald von der reformir⸗ ten Kirche. Sobald ſie darauf ſehen, daß die Reformirten von Gottes Wort abweichen in der Lehre von der Gnadenwahl, von der heiligen Taufe, vom heiligen Abendmahl und von der Perſon Chriſti, und an dieſen ihren Irrthümern hartnäckig feſthalten, ſo ſagen ſie: Reformirte Secte. Sobald ſie aber darauf ſehen, daß die Reformirten die Bibel für Gottes Wort halten, daß ſie die Gottheit Chriſti vertheidigen, auch die Lehre von der Rechtferti⸗ gung treiben, ſo ſagen ſie: Reformirte Kirche. Sie meinen natürlich dann eine verderbte Kirche. Wenn wir daher geſagt haben: Es gibt keine luthe⸗ riſche Kirche, wie zu Luthers und Gerhards Zeit, ſo wollten wir nur leugnen, daß es eine lutheriſche Kirche gibt, wie ſie ſein ſoll, wie ſie in ihrer Blüthe⸗