# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1872_S50 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 50 — ſte zwar zu, daß das da ſteht, und erklären, daß der Menſch es freilich nicht allein thun könne, aber daß die Entſcheidung nicht beim Menſchen ſtehen ſollte, das iſt ihnen eine Thorheit. Es iſt faſt allgemein anerkannt unter dieſen ſogenannt rechtgläubigen Theologen Deutſchlands, daß man die luthe⸗ riſche Lehre von der Inſpiration nicht mehr glauben könne. Alle ohne Aus⸗ nahme ſagen: Nicht jedes Wort in den kanoniſchen Schriften der Bibel ohne Ausnahme iſt vom Heiligen Geiſt eingegeben; und weil wir das noch glauben, ſo verlachen ſie uns, als hinter der Zeit zurückgebliebene, unwiſſende Men⸗ ſchen; obgleich der Heiland ſo klar ſagt: „Der Menſch lebt nicht vom Brod allein, ſondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes gehet“, und ſein Apoſtel: „Wir reden nicht mit Worten menſchlicher Klug⸗ heit, ſondern mit Worten, die der Heilige Geiſt redet“, und wie oft heißt es, wenn im neuen Teſtament Stellen aus dem alten angeführt werden: „der Heilige Geiſt ſagt“. Es iſt aber gewiß: Wo man die Lehre von der Inſpi⸗ ration nicht mehr hat, da kann von einer rein lutheriſchen Kirche nicht mehr die Rede ſein, denn es fehlt der Grund dazu. Statt deſſen baut man jetzt die Theologie auf ſein chriſtliches Bewußtſein, aber das iſt ein Sandgrund, der nicht Stand hält. „Das Wort aber ſteht wie ein Mauer feſt, welchs ſich niemand verkehren läßt, er ſei ſo klug er wolle.“ Das haben ſie verlaſſen. — In einer ſolchen Zeit nun hat Gott uns aus unausſprechlichem, wunder⸗ barem, unerforſchlichem Erbarmen laſſen zuſammentreten zu einer luthe⸗ riſchen Kirche, wie er ſie vor 300 Jahren hat werden laſſen, die auch in der Lehre von der Inſpiration wieder rund bekennt und einig iſt. Auch die neueren Theologen der lutheriſchen Kirche ſagen freilich alle: In der Bibel iſt Gottes Wort, aber daß die Bibel Gottes Wort ſei, das, ſagt man, glauben nur die einfältigen Miſſourier noch. Was mit ihrer Vernunft übereinkommt, das ſoll gelten und Gottes Wort ſein in der Bibel, das Uebrige aber, meinen ſie, iſt Spreu. Alſo das Formalprincip leugnet man jetzt, d. h. man lehrt, die Quelle, woraus alles zu ſchöpfen iſt, iſt auch nicht mehr rein; es iſt darum nicht ſo leicht für einen einfachen Chriſtenmenſchen, ſagen die Theologen, ſein Heil daraus zu ſchöpfen; aber, ſagen ſie, darum hat der liebe Gott eben ſo gelehrte Menſchenkinder wachſen laſſen, damit die nach jahrelangem Mühen und unſäglichen Anſtrengungen geſchickt ſeien, das Rechte herauszuſtudiren. Nach ihnen darf man nicht ſagen: da ſteht ein Wort der Schrift, daran will ich mich halten. Nicht ſo, ſondern aus dem Ganzen, aus dem Verhältniſſe der einzelnen Bücher zu und unter einander muß erſt der rechte Verſtand ge⸗ nommen werden, was Gottes Wort ſei in der Bibel. Dazu aber gehört ein Mann, der ſich bald zu Tode ſtudirt hat, bis er dieſe Kunſt konnte. Alſo das Formalprincip haben ſie uns umgeſtoßen. Aber noch mehr: Auch das Material⸗ princip haben ſie über den Haufen geworfen, d. i. den Artikel von unſerm HErrn JEſu Chriſto. Faſt keiner, außer etwa Philippi und einigen wenigen, glaubt, daß Chriſtus wahrer Gott und Menſch iſt in einer Perſon von dem erſten Augenblick an ſeiner Empfängniß, und daß er es blieb und bleiben wird in