# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1872_S49 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 49 — die ſeien es, welche fromme Chriſten machen könnten; und ſo entſtand daraus der Rationalismus, der nach und nach faſt die ganze Kirche überwucherte, und unter dem wir alle aufgewachſen ſind. In Sachſen, der Wiege der lutheri⸗ ſchen Kirche, wußte man zu unſerer Zeit faſt nichts mehr von einem chriſt⸗ lichen Prediger, und kaum war hie und da einer noch zu finden, der da ſagte, die Bibel ſei Gottes Wort. Hie und da war noch ein Herrnhuter, oder ein von der Polizei verfolgtes Häuflein betete und ſang im Verborgenen, welches dem Worte im Glauben noch anhing. So ging es fort, bis die Union kam und denn ihr gegenüber wieder ein wenig Leben ſichtbar wurde. Kurz, in unſerer Jugend hat es einmal keine wahre lutheriſche Kirche gegeben. Eine Kirche, wie ſie zu Luthers Zeiten oder zu den Zeiten Gerhards beſtand, war nicht vorhanden. Die iſt aber auch heute nicht vorhanden. Es gibt zwar noch manche, welche den Namen lutheriſcher Landeskirchen tragen, in Deutſch⸗ land, aber eine ſolche, die ihren Namen mit Recht trägt, iſt nicht mehr vor⸗ handen. Wo iſt die lutheriſche Landeskirche, in welcher die Kirchenregenten, die Conſiſtorialräthe, die Staatsregenten, das Miniſterium den lutheriſchen Glauben rein hätten, daß unter ihnen nicht offenbare Rationaliſten u. ſ. w. geduldet wären? Es gibt keine. Das iſt über alle Maaßen erſchrecklich! Notoriſche Verführer, notoriſche Läſterer u. ſ. w. ſind überall nicht verhindert, ihr Gift unter das Volk zu bringen. In Sachſen, in Hannover, in Meck⸗ lenburg, in Baiern ſtehen mitunter die ruchloſeſten Buben auf den Kanzeln und verläſtern die lutheriſche Lehre, und wenn ſie verklagt werden, werden ſie im höchſten Fall vorgenommen, wenn ſie grob geläſtert haben. Wenn ſie aber mit einigen allgemein chriſtlichen Floskeln umgehen können, ſo werden ſie in Schutz genommen, und es heißt: Man muß doch froh ſein, daß ſie nicht ganz ungläubig ſind. So gibt es heutzutage in Deutſchland keine lutheriſche Kirche, wie zu Luthers und Gerhards Zeiten. Auch nicht in Norwegen, denn obgleich da das Verderben nicht ſo tief eingedrungen iſt, wie in Deutſchland, ſo gibts doch auch da geduldete Rationaliſten. Das Allerſchlimmſte iſt aber nun noch dieſes, daß die, welche vorgeben, ſie ſtehen an der Spitze der erneuer⸗ ten lutheriſchen Kirche, die Lehre dieſer Kirche wieder ſelbſt weder glauben noch lehren. Kahnis glaubt nicht, daß JEſus Chriſtus Gottes Sohn iſt, daß der Menſch keinen freien Willen im Geiſtlichen mehr hat, daß Chriſti Leib und Blut wahrhaftig im Abendmahl ſei und da ausgetheilt und mit dem Munde empfangen werde, und doch gilt er für einen Vorkämpfer der heutigen lutheriſchen Kirche Deutſchlands. Luthardt, obgleich ein gelehrter Mann und in großem Anſehen, lehrt falſch vom freien Willen. Er glaubt nicht, daß ſich der Menſch in der Bekehrung pure passive verhalte, d. h. daß er der zu bekehrende Gegenſtand ſei, aber nicht der, welcher ſie macht und daran Theil hat, daß er bekehrt wird. Daß der Menſch dabei gar nichts thun könne, das hält überhaupt die neuere Theologie für einen Greuel. Und ob⸗ gleich die Schrift klar ſagt: „der natürliche Menſch vernimmt nichts vom Geiſte Gottes, es iſt ihm eine Thorheit und kann es nicht erkennen“, ſo geben 4