# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Dezember 1856_S375 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ein paar Sonnenstrahlen über Thüringen. 375 während bei den ersten Versammlungen des Thüringer Kirchentages der Rationalismus noch überwog, derselbe allmählich so zu Schanden geworden ist, daß bei den eben erwähnten Verhandlungen eine rationalistische Aeußerung durchweg nicht gehört wurde, wohl aber sehr starke Ausdrücke gegen den rationalistischen Unglauben. Noch mehr ins Leben eingreifend und unsere kirchlichen Zustände heller beleuchtend sind die mannigfachen Verhandlungen gewesen, die im Laufe der beiden verflossenen Monate im Großherzogthum Weimar über die Missionssache öffentlich gepflogen worden sind. Es sind in diesem Blatte schon früher mehrfache Notizen über den Stand des Missionswesens in den sächsischen Herzogthümern gegeben worden. Nur hier und da zerstreut fanden sich Freunde der Mission und trieben ihr Werk ganz im stillen; die Welt nahm keine Notiz davon. Jetzt wird plötzlich im Weimarischen öffentlich das Verlangen laut, sich zu einem Landesmissionsvereine zusammenzuschließen, und die officielle „Weimarer Zeitung“ (sonst keine Freundin kirchlicher Debatten) bietet sich zum Sprechsaal für die wichtige Angelegenheit an. Die Anregung ging von der rationalistisch oder doch unirt gesinnten Partei in der Landesgeistlichkeit aus. Diese trat mit dem Vorschlage hervor, sich an die unirte Missionsgesellschaft in Berlin, und durch sie an Basel anzuschließen. In der ersten, von dieser Seite ausgehenden Versammlung erklärte man sich daher einstimmig für den Anschluß an Basel. Jetzt erhob in der Weimarer Zeitung und im Weimarer Sonntagsboten die confessionell⸗lutherische Partei ihre Stimme, und wies darauf hin, wie wir, der lutherischen Kirche und einem sächsischen Lande Angehörigen, gar keine Wahl hätten, sondern in jeder Beziehung an das nahe und so viele Vorzüge bietende Leipzig gewiesen seien. Die Gegenpartei erklärte die Leipziger Missionsanstalt für zu schroff confessionell; meinte, man müsse den Heiden nicht das Christenthum der symbolischen Bücher, sondern ein einfaches Bibelchristenthum bringen (als wären nicht im Grunde beide ein und dasselbe), dem Geiste Weimars sei eine freiere Auffassung des Christenthums gemäß, man wolle die reformirten Gemeinden des Landes, die sich anzuschließen geneigt wären, nicht lieblos zurückstoßen u. s. w. Um diesen Streit auszugleichen, wurde am 8. Juli eine Versammlung im Saale der Bürgerschule zu Weimar gehalten. Die einleitende Rede des Pfarrers Andreä wußte viel zu rühmen von der freiern rationalen Richtung, die noch immer in der Weimarer Landeskirche die Oberhand habe (leider!), konnte aber doch nicht umhin, zu gestehen, der heutige Rationalismus sei nicht mehr der alte, er habe von seinem Gegner viel gelernt, wolle sich nun auch der auf gegnerischem Boden erwachsenen Heidenmission annehmen. Für Gründung eines Missionsvereins waren alle Stimmen (70—80), aber über die Frage: „ob Leipzig oder Basel?“ konnte man sich nicht vereinigen. Die große Mehrheit stimmte, wie vorauszusehen war, für Basel, die Minorität konnte Gewissens halber von Leipzig nicht lassen. So tauchte der Vorschlag auf, zwar einen gemeinsamen Verein zu bilden, dem einzelnen aber anheim zu geben,