# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 11 24_S40 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) nicht dein ſelbſt, ſondern des andern. Denn warum ſollte ich meine Freiheit laſſen urtheilen von eines andern Gewiſſen?“ 1 Cor. 10, 28. 29. Aber kurz vor dieſem Ausſpruch ſetzt der heil. Apoſtel die wichtige Regel: „Ich habe es zwar alles Macht, aber es from⸗ met nicht alles.“ V. 23. Mit dieſen Worten ſind ganz deutlich auch um das Gebiet der chriſtlichen Freiheit Schranken gezogen, die niemand, der ein Chriſt ſein will, überſchrei⸗ ten darf. Denn ſo oft der Gebrauch unſerer chriſtlichen Freiheit nicht frommt, ſo oft ſind wir nach dieſem apoſtoliſchen Ausſpruche ſchuldig, uns der Ausübung unſerer Freiheit freiwillig zu begeben, widrigenfalls wir uns ſchwer verſündigen. Daher behandelt auch Luther in ſeinem herrlichen Sermon „von der Freiheit eines Chriſtenmenſchen“ das paradoxe (widerſprechend ſcheinende) Thema: „I. ein Chriſtenmenſch iſt ein freier Herr über alle Dinge; und 2. Ein Chriſtenmenſch iſt ein dienſtbarer Knecht aller Dinge.“ Es entſteht nun die Frage: in welchen Fäl⸗— len kann ein Chriſt ſelbſt in Betreff der Cere⸗ monien nicht nach Willkühr handeln und ſich auf ſeine Freiheit berufen? Wir antworten: J.) Der Einzelne iſt verbunden, die Ceremo-⸗ nien zu beobachten und ſich allen den menſch— lichen Ordnungen zu fügen, welche durch die Mehrheit der Gemeinde, zu welcher er gehört, ordentlich eingeführt worden ſind. Dieſes gründet ſich auf alle die Stellen der heil. Schrift, nach welchen es in einer chriſtlichen Gemeinde friedlich, ordentlich und ehrlich zugehen, und alle unter einander und inſonderheit die Jungen den Aelteſten unterthan ſein ſollen. Vergl. 1 Cor. 14, 33. 40. 1 Pet. 5, 5. Dieſes gött— liche Geſetz, zu deſſen Erfüllung das Gewiſſen jedes Chriſten unmittelbar verbunden iſt, gibt allen Kirchengeſetzen für den Einzelnen eine zwar mittelbare, aber doch wahrhafte Verbind— lichkeit. Ein eigenſinniger Kopf kann daher keineswegs ſagen: Er richte ſich nach keiner Gemeindeordnung, er wolle die und jene von der Gemeinde angenommenen Ceremonien nicht beobachten, denn Menſchengebote verbänden ja das Gewiſſen nicht und Ceremonien ſeien ja freie Mitteldinge, deren Unterlaſſung er ſich nicht zur Sünde machen laſſe, und dergleichen. Wohl iſt es wahr, wird von einem Chriſten ge— fordert, Menſchengebote für Gottesgebote an⸗ zuſehen, dann ſoll er lieber ſterben, als ſich ihnen unterwerfen; wird hingegen von ihm gefordert, menſchliche Einrichtungen um der Liebe, um des Friedens, um der Ordnung willen zu halten, dann kann er auf ſeine Freiheit keineswegs pochen, dann iſt ſein Gewiſſen mittelbar daran gebunden, denn mit dem Uebertreten eines ſolchen Kir— chengeſetzes überträte er das göttliche Ge— ſetz: „Laſſet alles ehrlich und ordentlich zuge— hen. Alleſammt ſeid unter einander unterthan.“ Hieher gehört die ſchon angeführte Stelle der Augsb. Confeſſion: „Solche Ordnung gebührt der chriſtlichen Verſammlung um der Liebe und Friedens willen zu halten, und den Biſchöfen und Pfarrherrn in dieſen Fällen gehorſam zu ſein, und dieſelben ſo fern zu halten, daß einer 4⁰ den anderen nicht ärgere, damit in der Kirche keine Unordnung oder wüſtes Weſen ſei.“ (Art. 28.) Hierüber ſchreibt Luther in ſei⸗ nem Sermon von guten Werken: „Das andre Werk dieſes (des vierten) Gebotes iſt, ehren und gehorſam ſein der geiſtlichen Mutter, der heiligen chriſtlichen Kirchen, der geiſtlichen Gewalt, was ſie gebeut, verbeut, ſetzet, ordnet, bannet, löſet, daß wir uns darnach richten, und wie wir leibliche Eltern ehren, fürchten und lieben, ſo auch geiſtliche Obrigkeit,“*) laſſen ſie recht haben in allen Dingen, die nicht wider die erſten drei Gebote ſind.“ (L. W. X. 1649.) Da es in den Gemeinden nicht ſelten Glieder gibt, die da glauben, es ſei wider ihre Freiheit, wenn ſie ſich in indifferenten, unſündlichen Sachen nach der Mehrheit richten ſollen, ſo laſſen wir über dieſen Punct noch einige Zeug— niſſe reiner Lehrer folgen. Erſtlich ſchreibt Luther ferner in ſeinem Buch von Concilien und Kirchen: „Ueber ſolche äußerliche Zeichen und Heiligthume (Saeramente) hat die Kirche mehr äußerliche Weiſen, davon und dadurch ſie nicht geheiliget wird, weder an Leib noch an Seele, auch von Gott nicht eingeſetzt noch ge— boten, ſondern, .. daß es von auswendig noth oder nütz iſt, wohl und fein anſtehet; als, daß man zur Predigt oder Gebet etliche Feier— tage hält, etliche Stunden, als Vormittage, oder Nachmittage, daß man Kirchenbau, oder Haus, Altar, Predigtſtuhl, Taufſtein, Leuchter, Kerzen, Glocken, Prieſterkleider und dergleichen braucht. Die Chriſten können wohl ohne ſolche Stücke geheiligt werven und bleiben, .. aber um der Kinder und des einfältigen Volkes willen iſts fein, und gibt eine feine Ordnung, daß ſie eine gewiſſe Zeit, Stätte und Stunden haben, darnach ſie ſich richten, wie St. Paulus ſagt 1 Cor. 14.: Laßt alles fein ordentlich zu⸗ gehen. Und ſolche Ordnung ſoll niemand — wie auch kein Chriſt thut — ohne Urſach, aus lauter Stolz, allein eine Unord— nung dawider anzurichten, verachten, ſondern dem Haufen zu gut, ſolche Ordnung mit halten, oder ja nicht irren und hindern. Denn das wäre wider die Liebe und Freundlichkeit.“ (Luth. W. XVI. 2814. 15.) Weiter ſchreibt Luther: „Zwiſchen Gott und dir alleine iſt die Freiheit ganz rund und vollkommen, daß du vor ihm dieſer Stücke keines darfeſt halten, die er nicht geboten hat; hie iſt Himmel und Erden voll deiner Freiheit, ja Himmel und *) Unter der „geiſtlichen Obrigkeit“ ſind nicht allein die ſo⸗ genannten Geiſtlichen, aber auch nicht allein die Laiengemeinde, ſondern die ganze Kirche oder Gemeinde, wie ſie aus Lehrern und Zuhörern beſteht, und entweder von allen mündigen Mannsperſonen, oder nach Umſtänden von einigen wenigen vertreten wird, zu verſtehen. Daher ſchreibt Luther im An- hange zu den ſchmalkaldiſchen Artikeln: „Chriſtus gibt das höheſte und letzte Gericht der Kirchen, da er ſpricht: Sag's der Kirchen.“ (Von der Gewalt und Obrigkeit des Pabſtes.) In der Apologie heißt es: „Es iſt auch nicht ſo bald der Kir⸗ chen Beſchluß, was die Biſchöfe und Pfaffen beſchließen.“ Noch deutlicher drückt ſich Luther in der ſogenannten Witten⸗ berger Reformation von 1545 hierüber aus, wo er ſchreibt: „Da unſer Heiland Chriſtus ſpricht: „„Sage es der Kir⸗ chen,“ und thut mit dieſen Worten Befehl, daß die Kirche der höchſte Richter ſein ſoll, (ſo) folget, daß nicht allein Ein Stand, nehmlich die Biſchöfe, ſondern auch andre gottesfürch⸗ tige Gelehrte aus allen Ständen als Richter zu ſetzen ſind und voces decisivas (entſcheidende Stimmen) haben ſollen.“ L. W. XVII. 1754.) Erden können ſie nicht begreifen. Zwiſchen dir aber und deinem Nächſten oder deiner Obrigkeit iſt ſie nicht weiter, denn ſo fern ſie deinem Nächſten unſchädlich iſt; ja wo ſie nütz⸗ lich und förderlich ſein kann, ſoll ſie nicht wollen frei ſein, ſondern weichen und die⸗ nen.“ (L. W. XIX. 1671.) Endlich ſchreibt Heinrich Müller im Anhange zu ſeinen Erquickſtunden: „Man iſt nicht verbunden in den Beichtſtuhl dergeſtalt, daß man einem das heil. Abendmahl ſchlechterdinge verſage, wo er nicht zuerſt allda erſchienen, ſonderlich ſolcher Perſonen, die aus evangeliſchen Oertern gekommen, da die (Privat-) Beichte nicht im Brauch geweſen, und ſich alſo als junge an⸗ wachſende Gliedmaßen der Kirche in dero Weiſe noch nicht ſchicken können, denn ſolcher⸗ geſtalt würde aus dem Beichtſtuhl ein Gewiſ— ſenszwang werden, da doch die Privatbeichte ſelbſt nicht göttlicher, ſondern menſchlicher Ein⸗ ſetzung und nicht allgemein, ſondern nur iheil— weiſe eingeführt iſt. Wiewohl vorgedachte Perſonen, um Verhütung einigen Anſtoßes bei Einfältigen und Schwachen, dazu gütig zu disponiren und zu ermahnen ſind, daß ſie den Beichtſtuhl beſuchen. Denn wo die Privat⸗ beichte gebräuchlich und durch ein Kirchengeſetz beſtätiget iſt, da iſt auch derjenige, der von fremden Orten dahin kommt, wofern er ſich bei derſelben Kirchen als ein Mitglied beſtändig aufzuhalten gedenkt, verbunden, den diesfalls vorhandenen feſtgeſtellten kirchlichen Geſetzen, die nicht weniger als andere Geſetze im Gewiſ— ſen verbinden, ſich zu conformiren, und gilt hier, was Auguſtinus ſchreibt Epist. 86.: In denjenigen Dingen, über welche die heil. Schrift nichts feſtgeſtellt hat, iſt die Sitte des Volkes Gottes oder die Einrichtungen der Alten für ein Geſetz anzuſehen.“ Wir ſetzen noch hinzu, was der Kirchenvater Auguſtinus in Be⸗ treff dieſes Punctes anderwärts meldet, wenn er unter anderen an den Januarius ſchreibt: „Als mir meine Mutter nach Mailand folgte, fand ſie, daß die Gemeine am Sabbath nicht faſte. Sie fing an beſtürzt zu werden und zu zweifeln, was ſie thun ſolle. Mich zwar küm— merte das nicht, aber um ihretwillen fragte ich Ambroſius, ſel. Gedächtniſſes, hierüber um Nath, welcher zu mir ſagte: Wenn ich nach Rom komme, faſte ich am Sabbath; bin ich hier, ſo faſte ich nicht. So halte auch du, zu welcher Gemeinde du kommen magſt, deren Sitte, wenn du niemanden ärgerlich ſein willſt und dir es niemand ſein ſoll.“ 2.) Ein anderer Fall, in welchem die Mit⸗ teldinge aufhören Mitteldinge zu ſein und in unſerer Freiheit zu ſtehen, iſt dieſer, wenn durch den Gebrauch oder durch die Unterlaſſung der⸗ ſaben Schwache geärgert werden wür⸗ den. Hiervon ſchreibt St. Paulus nicht nur ausführlich an die Römer (Cap. 14, 13 — 22.) und an die Corinther (I, 8, 9 — 13.), ſondern dieſer theure Apoſtel zeigt uns auch durch ſein Beiſpiel, wie ſich ein Chriſt in ſolchem Falle zu verhalten habe. Paulus wollte nehmlich einſt⸗ mals den jungen Timotheus zu ſeinem Beglei⸗ ter auf ſeine apoſtoliſchen Reiſen mitnehmen; Timotheus hatte aber, weil ſein Vater ein