# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Dezember 1856_S373 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Eine Erklärung in Betreff der Lehre von der Kirche. 373 habe, oder aber, ob die sichtbare Kirche, mit Einschluß aller, die zu ihrer äußeren Gemeinschaft gehören, der Leib Christi sei, habe ich früher auf der letztern Seite gestanden. Gebildet hatte sich mir diese Ansicht in meinen allerfrühesten Zeiten, in denen ich aus dem zerfahrenen unirten Wesen allmählig zur Erkenntniß der lutherischen Lehre kam; Veranlassung zu derselben war mir, so viel ich mich erinnere, die lutherische Abendmahlslehre, daß auch die Unwürdigen und Ungläubigen im Sakrament wahrhaftig den Leib und das Blut des HErrn genießen. Diesen Genuß der Unwürdigen nun dachte ich mir rein mechanisch und nach menschlichem Verstande: wenn die Unwürdigen den Leib des HErrn empfangen, so geht also derselbe doch in sie ein, vereinigt sich auf irgend eine Weise mit ihrer Person, und so entstand mir hieraus die Vorstellung einer zwar realen (wirklichen), doch nicht seligmachenden, also nicht lebendigen, sondern, um so zu reden, todten Verbindung der Unwürdigen mit dem Leibe Christi. Dieselbe Vorstellung trug ich folgerecht auf die Taufe über. Und so erwuchs mir hieraus das Bild von der Kirche: Die sichtbare Kirche ist der wirkliche Leib Christi, der einem Baume gleich ist, an dem zum Theil grüne und frische Aeste sich befinden, zum Theil dürre und erstorbene, die aber doch noch wirklich am Baume sind, während andere Aeste schon völlig von dem Baum abgefallen, oder (durch den Baum) von ihm abgehauen und also außer Verbindung mit dem Baume sind. — Ich bekenne nun mit herzlicher Beugung, daß ich irrte; aber ich that es unwissend und in ehrlicher Meinung: eines Theils kam mir wirklich gar nicht in den Sinn, mit meiner Meinung gegen die regula fidei (Glaubensregel) zu verstoßen, da ich gar nicht dachte, etwas anderes zu sagen, als was die Kirche je und je mit dem Genuß der Unwürdigen im heil. Abendmahl behauptet habe, andern Theils meinte ich, durch das einfache und buchstäbliche Verständniß einiger Bibelsprüche gebunden zu sein, Gal. 3, 27. und 1 Cor. 10, 17. nebst 12, 13., die ich schlechthin auf alle Getaufte und Abendmahlsgenossen bezog. Ich weiß nicht, wie viele derjenigen Brüder, die die sichtbare Kirche für den Leib Christi halten, in derselben Weise, wie ich, zu ihrem Irrthum gekommen sind. Nur das scheint mir ausgemacht: die ganze Streitfrage dreht sich lediglich um die Lehre von Kraft und Wirkung der Sacramente; würde man mehr hier die Lösung der Streitfrage suchen, dann käme man leichter und schneller zur Klarheit, jedenfalls würde man nicht zweifelhaft bleiben können, was lutherische Lehre sei und was nicht. Ist die sichtbare Kirche mit Einschluß aller Getauften, auch der Unbekehrten der Leib Christi, so folgt unfehlbar hieraus der Schluß, daß der äußere Empfang der heil. Sacramente eine solche Wirkung bei den ungläubigen und todten Gliedern der Kirche haben muß, daß sie dadurch zu wirklichen, wenn auch todten Gliedern des Leibes Christi werden. Somit ist die einfache Streitfrage die: haben die Sacramente auch ohne den Glauben der Empfänger eine solche Wirkung, daß dieselben dadurch in eine wirkliche, reale Mitgliedschaft am Leibe Christi gebracht werden — oder nicht?