# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1857_S384 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 384 — § 8. Ueber tauſend Jahre lang herrſchte faſt ein allgemeines Schweigen über dieſen Traum. Erſt zur Zeit der Reformation tauchte derſelbe bei den ſogenannten Enthuſiaſten und Schwärmern wieder auf. Inſonderheit ſind es die Wiedertäufer, welche der 17. Artikel der Auguſtana im Auge hat. Wenn aber der Apologet des Chiliasmus Hebart („die zweite ſichtbare Zukunft Chriſti“) bemerkt, es ſei zweifelhaft, ob hier gegen ein künftiges herrliches Reich Chriſti auf Erden überhaupt polemiſirt werden wolle; die Worte: „jüdiſche Lehren“ leiteten auf die Vermuthung, daß hier blos die groben Theorien vom tauſendjährigen Reich verworfen werden ſollen, — ſo antworten wir: Es mag dieſes Reich in noch ſo geringem Grade als ein irdiſches dargeſtellt werden: verſteht man darunter ein anderes, als das ſchon beſtehende geiſtliche Gnadenreich oder das zu erwar⸗ tende ewige Reich der Herrlichkeit, ſo iſt dieß doch nichts anderes als ein ſolches Reich, wie es einſt die Juden erwarteten und deſſen Hoffnung in unſerm Bekenntniß verworfen iſt. Verſteht man daher unter dem ſub⸗ tilen oder feinen Chiliasmus doch nichts anders, als dieſe letztere Hoff⸗ nung, ſo iſt auch dieſem mit dem Artikel 17 der Auguſtana das Ur⸗ theil geſprochen. § 9. Nicht Wenige belieben ſelbſt das einen unſchuldigen, ſubtilen Chiliasmus zu nennen, wenn man eine zwiefache ſichtbare Wiederkunft Chriſti, eine zwiefache leibliche Auferſtehung der Todten, ein noch zu erwar⸗ tendes herrliches Reich Chriſti auf Erden annimmt. Hiemit werden jedoch ganz offenbar in nothwendiger Folge Hauptartikel des chriſtlichen Glaubens, — nämlich die Artikel vom Reich Chriſti, von der Zu⸗ kunft Chriſti zum Gericht, und von der Auferſtehung der Todten — umgeſtoßen. § 10. Erſtlich alſo wird dadurch angetaſtet der Artikel von dem Reich Chriſti. Unſer HErr Chriſtus hat zwar ein Reich der Macht, da Ihm alle Gewalt gegeben iſt im Himmel und auf Erden. Matth. 28, 18. Pſalm 8, 7—10. Sofern er aber als Heiland und Erlöſer betrachtet wird, iſt die Kirche ſein Reich, und zwar dieſes hier als das Reich der Gna⸗ den, dort als das Reich der Herrlichkeit. Gegen beide ſtreitet das vermeintliche tauſendjährige Reich und kann ohne Nachtheil für beide nicht zugegeben werden. Denn das Gnadenreich iſt zwar in der Welt, was jedoch ſeine Art betrifft, nicht von der Welt; weder hat es weltliche Güter, noch wird es auf weltliche Art und Weiſe verwaltet, noch kommt es mit äußerlichen Geberden, noch fällt es als etwas äußerlich Glänzendes ins Auge, ſo daß man ſagen könnte: „Siehe, hier iſt es, oder da.“ Joh. 18, 36. Luc. 17, 20. 21. Es iſt „nicht Eſſen und Trinken, ſondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geiſt.“ Röm. 14, 17. Nie und nirgends hat der HErr Chriſtus die Seinen auf ein äußerliches, ſichtbares Reich vertröſtet, ſondern vielmehr alle Hoffnung eines ſolchen völlig abgeſchnitten. Nach der Meinung der Chiliaſten hätte die Mutter der Kinder Zebedäi, Matth. 20, 20., Beſſeres nicht für ihre Söhne erbitten mögen, als was ſie gebeten hat. Denn was ſie zu ihrer Bitte be⸗ wog, waren ja nichts anders als echte chiliaſtiſche Hoffnungen von einem herrlichen ſichtbaren Reiche Chriſti auf Erden. Aber mit dem ernſten Wort weiſ't ſie der HErr ab: „Ihr wiſſet nicht, was ihr bittet.“ Wir machen alſo hier den Schluß: Welches Reich ſichtbar iſt und auf eine äußer⸗ liche, weltliche, ſichtbare Weiſe (nicht allein durch die Gnadenmittel und den Trieb des Heiligen Geiſtes) verwaltet wird, das iſt nicht das wahre Gnadenreich Chriſti auf Erden, darauf Er die Seinen verwieſen und ver⸗ tröſtet hat. Das vermeintliche tauſendjährige Reich ſoll auf eine ſichtbare,