# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1857_S383 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 383 — Recht alſo mag man dieſes Leben und Regieren der Seelen der Ent⸗ haupteten auf eine leibliche Auferſtehung deuten? Reicht zu einer ſolchen Auslegung hin, daß es die Schrift „die erſte Auferſtehung“ nennt? — Davon aber, daß Chriſtus ſichtbar wiederkommen werde, ſagt dieſes Kapitel gar nichts, geſchweige daß Er zweimal wiederkommen werde. Ebenſo ſteht ſonſt im ganzen Neuen und Alten Teſtament mit keinem Wort geſchrieben, daß Chriſtus zu zweien Malen ſichtbar wieder kommen ſolle. Es iſt übrigens offenbar eine bloße Ausflucht, daß man eine zwiefache ſichtbare Wiederkunft Chriſti erdichten will, eine zum ſogenannten tauſendjährigen Reich und eine andere zum letzten Gericht. Denn von dieſem vermeintlichen tauſendjährigen Reich macht man ſich ja die Vorſtellung, daß Chriſtus auf Erden bleibe, ſich nicht wieder entferne, weil man aus dem Alten Teſtamente ſolche Stellen für das tauſendjährige Reich anführt, in denen die Worte „ewig“ und „ohne Ende“ und dergleichen vorkommen. Darum müſſen die Chiliaſten, wollen ſie nicht der Schrift Alten Teſtaments ins Angeſicht ſchlagen, behaupten, daß auf dieſen ſeligen Zuſtand, ohne Unterbrechung, das Reich der Herrlichkeit folge. Wenn aber dieß der Fall iſt: wo, wie und wann ſoll denn die zweite ſichtbare Wiederkunft geſchehen? Wenn der Herr ſich nicht wieder entfernt, wie kann er nochmals wiederkommen? Doch genug. So lange man dieſe Lehre von einem tauſendjährigen Reich Chriſti auf Erden nicht mit klaren, unzweideutigen, hellen Stellen beweiſen kann, müſſen wir dieſelbe für ein Agraphon erklären. § 5. Doch wir wollen noch mehr beweiſen: Die erwähnte chiliaſtiſche Lehre iſt nichts anderes, als eine alte jüdiſche Fabel, welche längſt vor Ab⸗ faſſung der Offenbarung St. Johannis und des Neuen Teſtaments über⸗ haupt vorhanden war und in welcher ſelbſt die heiligen Apoſtel vor erhaltener Erleuchtung befangen geweſen, welche jüdiſche Fabel auch nach der Apoſtel Zeit wieder auftauchte und endlich im 17. Artikel unſerer Augsburgiſchen Confeſſion verworfen iſt. § 6. Der jüdiſche Talmud liefert Beweis und viele Stellen des Neuen Teſtaments beſtätigen es, daß die Juden ſeit alter Zeit ſich mit der Hoffnung trugen, der Meſſias werde ein irdiſches Reich aufrichten, darin ſie über die Königreiche der Heiden herrſchen werden, er werde die Patriarchen, Propheten und andere verſtorbene Juden auferwecken, ſie nebſt den noch lebenden ins Land Canaan führen, den Tempel zu Jeruſalem und den levitiſchen Gottesdienſt wieder vollſtändig aufrichten und ſo das Reich Gottes mit „äußerlichen Gebärden“ (Luc. 17, 20.) kommen laſſen. Und wo man ſo grobe Vor⸗ ſtellungen nicht hatte, trug man ſich doch mit der Hoffnung, daß das Meſ⸗ ſianiſche Reich wenigſtens auch ein ſichtbar herrliches ſein werde. In dieſem Sinne fragten auch (Ap. Geſch. 1, 6.) die lieben Apoſtel noch: „Wirſt du auf dieſe Zeit wieder aufrichten das Reich Iſrael?“ Wie ſehr hat dieſer Wahn die lieben Jünger des HErrn gehindert an dem rechten Verſtändniß des Reiches Gottes und am Glauben, und wie viele Millionen Juden ſind um desſelbigen Wahnes willen von Chriſto fern geblieben! Es iſt ja bekannt genug. — § 7. Dieſen jüdiſchen Traum hat nach vielfachen Zeugniſſen der alten Kirchenväter (Siehe Joh. Gerhard's Loc. theol. Loc. XXX.) der Erz⸗ ketzer Cerinthus in die chriſtliche Kirche hereingebracht, und den guten Papias, einen einfältigen Mann, wie ihn Eusebius nennt, damit ange⸗ ſteckt, und durch denſelben in der Folge auch mehrere treffliche Kirchenlehrer, als Juſtinus, Tertullianus, Lactantius, Irenäus; obwohl dieſe nicht ſo rohe und fleiſchliche Vorſtellungen wie Cerinth gehegt haben.