# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1857_S332 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 332 — Paſtor Schieferdecker: Luther zum Daniel ſagt: Gott könnte in ſpäterer Zeit noch einen Noah erwecken, welcher das, was Luthern dunkel ſei, auslegen könnte. Die Stelle wird verleſen: „Und Summa, ich denke, daß dieſe 1335 Tage nicht werden öffentlich insgemein verſtanden werden, ſie ſein denn erfüllt am jüngſten Tage. Es wäre denn, daß Gott etwa einen Noah würde erwecken, der dieſelbigen Tage könnte abrechnen und gewiß treffen. Ich aber vor mich laſſe mir daran genügen, daß der jüngſte Tag vor der Thür ſein muß; denn die Zeichen, ſo Chriſtus verkündigt und die Apoſtel Petrus und Paulus, ſind nun faſt alle geſchehen, und die Bäume ſchlagen aus und die Schrift grünet und blüht. Ob wir den Tag nicht ſo eben wiſſen können, liegt nichts daran; ein anderer mache es beſſer; es iſt gewißlich Alles am Ende.“ (Ibid. pag. 1489.) Luther will alſo ſagen: Wenn wir nur eine mittelbare Erleuchtung aus der Schrift haben, ſo werden wir es nicht treffen; aber ſoll es ja vorher offenbar werden, ſo muß Gott einen Noah erwecken. Aber Noah iſt nicht ein mittelbar erleuchteter Mann, ſondern ein Prophet. Es iſt gewiß, daß das Vorwärtsſchreiten des Reiches Gottes auf Erden uns Vieles aufſchließt, was früher Geheimniß war, und je mehr uns Gott offenbart, deſto klarer werden uns die Weiſſagungen. Wollen wir aber in das Dunkel der Zukunft dringen, ſo handeln wir gegen des HErrn und Heilandes ausdrückliches Gebot. Wir ſollen uns wohl hüten, uns ſelbſt für einen Noah halten zu wollen, von dem Luther redet. Jenem Princip prophetiſcher Auslegung wurde alſo die Stütze der Be⸗ rufung auf Luther genommen. Die damit zugleich von Paſtor Gruber ſchriftlich angedeutete, von Paſtor Schieferdecker aber auch mündlich aus⸗ drücklich ausgeſprochene Beſchuldigung, daß die Synode Weſtlichen Diſtricts durch eine traditionelle Auslegung die Gewiſſen habe bin⸗ den wollen, wies die Synode mit entſchiedenem Ernſte zurück, und ver⸗ langte von den Paſtoren Gruber und Schieferdecker, dieſe Beſchuldigung zu beweiſen oder zu widerrufen. Die Glieder der Synode Weſtlichen Diſtricts bezeugten und erwieſen durch den Wortlaut ihres Berichts, daß ſie einerſeits nur ſolche Auslegung von Offb. 20. abgewieſen hätten, welche der Analogie des Glaubens zuwiderliefe; andrerſeits aber mit ihrer Auslegung von Offb. 20. ſo wenig beabſichtigt hätten, Gewiſſen in traditioneller Exegeſe zu binden, daß ſie nicht einmal der gewöhnlichen Auslegung in der lutheriſchen Kirche gefolgt wären, auch überhaupt ihre Auslegung nur als Meinung hingeſtellt hätten. Paſtor Schieferdecker ſuchte die Beſchuldigung zwar zu ſtützen durch Hinweiſung auf die Worte „wir verwerfen“ und „wir verdammen“ in dem betreffenden Beſchluſſe der Synode Weſtlichen Diſtricts, durch welche Worte die Gewiſſen allerdings negativ gebunden wären. Doch die Streit⸗ frage wurde bald in ihr rechtes Licht geſtellt: daß nämlich durch jene Worte die Gewiſſen an Gottes Wort, wie es ja ſein ſolle, gebunden würden, nicht aber an eine traditionelle Auslegung, worauf es hier ankomme. Die Dis⸗ cuſſion darüber wurde abgeſchloſſen durch den einſtimmigen Beſchluß: Die Synode lehnt mit Unwillen die Beſchuldigung von ſich ab, als wollte ſie durch eine traditionelle Auslegung die Gewiſſen binden. Nur Paſtor Schieferdecker verwahrte ſich dagegen mit der Erklärung: er fürchte durch ſeine Zuſtimmung den Schein zu geben, als räume er ein, daß die im Weſtlichen Diſtricts⸗Beſchluſſe verworfenen Lehren der Analogie des Glaubens zuwider wären.