# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1856_S328 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 328 Zu der Lehre von der Gnadenwahl und einigen damit zusammenhängenden ꝛc. — Hat aber Gott nicht alsdann dennoch Zwecke, welche Er theilweise nie erreicht? Wozu Sein heiliges Gesetz, wenn es ein Führer zur Gerechtigkeit nicht sein soll noch kann? ist's etwa dazu nur gegeben, um von den Menschen übertreten zu werden? Auf Christum und Sein Heil soll es der Zuchtmeister sein, in Ihm das Leben des Glaubens als ein von Gott gewolltes normiren, und die Verächter unter seinem Urtheil verwahret und verschlossen halten. Sollte die Bestimmung des Erlösers für das ganze gefallene Geschlecht, die Hingabe eines so kostbaren Lebens in unerhörte Todesleiden, die Vollbringung eines überschwenglich genugthuenden Werkes und die Darbietung desselben durch die Predigt des Evangeliums in aller Welt nur dazu geschehen sein, um an also denken Vieles, was nicht Er schafft; aber weil Seine Weisheit es für gut befindet, das, was ist, nur zu schaffen: so beschränkt zugleich solches bedingende Moment das allgemeine Wollen des Denkens auf ein bestimmtes dessen, was existirt. Ist Gott absolute Persönlichkeit, so ist auch Sein Wille Herr über seine eigene Wirksamkeit; eine Nothwendigkeit, Alles zu verwirklichen, was Seiner Allmacht möglich ist, hebt diese heilige Wahrheit schlechterdings auf. Ist Er das vollkommenste frei wollende Wesen, so ist Er auch heilige, d. h. sich selbst bejahende und ihr Gegentheil von sich ausschließende Liebe; was für ein Höheres im Offenbaren mag nun gedacht werden, als die daraus fließende Schöpfung und Erhaltung einer Welt, in welcher Ihm ähnliche Wesen Seiner vollkommenen Gemeinschaft theilhaftig werden sollen? Der Sich selbst Genugsame und Allerrealste bedarf nicht zu Seiner Vollkommenheit, daß Alles, dem Möglichkeit zukommt, real auch werde; in freier Liebe setzt Er Sich zum Zweck, was Seine Macht und Weisheit vollführt; aus dem Ihm Möglichen bestimmt sich Sein Wille zu dem, was Er verwirklicht; hier fällt so wenig eine Beschränkung in das göttliche Wesen, daß vielmehr eine nothwendige Voraussetzung seiner in Einheit mit der Liebe aufgefaßten schrankenlosen Freiheit es ist, daß nicht alles in seinem Denken Vorhandene nothwendig in das äußere Dasein übergehe, oder ausschließlich und allein von Ihm gewirkt werde. Wenn Kantianer ꝛc. unter den Theologen, so weit mit den Prädestinatianern im Bunde, die sogenannte scientia Dei media (oder futuribilium d. i. de futuro conditionato) leugnen, weil ein anschauender Verstand kein anderes Objekt, als das wirkliche, haben könne: so vergessen sie, daß für Gott selbst die Unterscheidung zwischen Idealität und Realität nicht statthaft sei; in der Schrift ist die der unnöthigen Lehrform zum Grunde liegende Sache, (auch was des Menschen Verhältniß zur rettenden Gnade betrifft, Matth. 11, 21., deren Heimsuchung im Neuen Testament Tyrus und Sidon noch reichlich widerfahren ist, vgl. Apg. 14, 16., 17, 30., 21, 3. fgg., 27, 3., Matth. 20, 7.) siehe die oben aus 1 Sam. 23. angeführte Beweisstelle, gegründet, der wir folgend lieber das göttliche Wesen nach ihrer Anleitung uns anthropopathisiren, als die Idee seiner Intelligenz ganz und gar einbüßen. Vgl. Buddei institutt. theol. dogm. S. 216 fgg., wo übrigens, wie von Einigen schon eher, von Andern aber auch nicht, die scientia Dei naturalis s. necessaria mit der scientia simplicis intelligentiæ und die scientia libera mit der scientia visionis identifizirt und der verschiedene Gesichtspunkt, von welchem dergleichen Distinktionen ausgehn, nicht beachtet wird; die letztere befaßt Gott selbst und die Dinge außer Ihm, die erste Gott und alles Mögliche, die zweite dieses nur, weil nämlich wir's bloß denken, das Seiende hingegen wahrnehmen, die dritte das, was ist außer Gott, weil sie mit Seinem freien Rathschluß, das Wirkliche in's Dasein zu rufen, in Verbindung steht. Mit Recht aber hat man das an sich Widersprechende und Unmögliche, obschon es kein Gegenstand der göttlichen Macht sein kann, doch nicht von den Objekten der Allwissenheit aus geschlossen, weil ihr ja wenigstens die Gedanken der Geschöpfe nicht verborgen sein können. Sich widersprechend aber wäre auch die Behauptung, daß durch endliches Sein die unendliche Fülle des Vermögens in Gott gedeckt und also aufgehoben würde, ohne selbst etwas Anderes als eine niemals wirklich werdende Möglichkeit zu bleiben.