# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 10 27_S28 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Lutheraner in ihrer Einfalt nicht erkannthätten; auch iſt hiernach ferner wohl deutlich genug, was von Menſchen zu halten ſei, die jenen Vorwurf jetzt erneuern, ja in ihren Beſchuldi⸗ zungen noch weiter gehen, und behaupten, daß das alte Lutherthum geradezu wieder nach Rom zurückführe, und die doch für gute Lutheraner angeſehen ſein wollen! Das thut nehmlich u. a. Hr. Weyl, der Herausgeber der ſogen. „Lutheriſchen Hirtenſtimme“ in Balti⸗ more. Derſelbe ſchreibt in dieſem ſeinem Blatte Folgendes: „Daß aber dieſe Seete (der Altlutheraner) nach Rom führe, beweiſt 1. deren Liturgie, von Paſtor Löhe in Baiern dem Paſtor Wyneken in Baltimore zugeeignet, weil ſie An leitung zu katholiſchen Gebräuchen gibt, als da ſind: ein dreifaches Kreuz über das ge⸗ taufte Kind zu machen, Anrufung der Maria bei Einſegnung der Hoſtie, Errichtung eines Crucifixes in der Kirche, und das Brennen der Wachskerzen auf dem Altar beim hellen Tage zur Abendmahlszeit ꝛc. ꝛc. Riecht das nicht nach Rom? Wir ſagen nicht, daß dieſe Dinge ausdrücklich in dieſer Liturgie geboten werden, aber ſie haben ihre Erſcheinung in einer Kirche gemacht, wo dieſelbe eingeführt und die ameri⸗ caniſche verdrängt iſt. Die Zeit der Kinder— ſpiele iſt vorbei und die Anbetung Gottes im Geiſt und in der Wahrheit uns verordnet. Und wer kann noch weiter im Zweifel ſein, wo es endlich mit dieſer Secte hinaus will, wenn man bedenkt, daß Puſey, Newman, und Conſorten, ihren Kampf und ihre Wanderungen in der Episcopalkirche mit eben dem Lehrſatze an⸗ fingen: „„Wir eſſen Fleiſch und trinken Blut im Abendmahl““? Und wo ſind dieſe Männer nun? Sie ſind zum Pabſtthum zurückgekehrt. Es macht nichts zur Sache aus, welche Sprache man ſpricht; wer ſich auf dieſen Weg ſtellt, und ihn verfolgt, muß zu demſelben Ziele ge⸗ langen. Wir warnen davor.“ Die Art und Weiſe, wie hier Hr. Weyl auf⸗ tritt, iſt ein trauriger Beweis, wie tief ein Menſch endlich fällt, wenn er dem Zeugniß des heil. Geiſtes in dem Worte Gottes, das er doch für Gottes Wort erkennen muß, muthwillig widerſtrebt; er ſinkt endlich zu einem gemeinen Lügner und zu einem completen Heuchler herab. Als ein gemeiner Lügner wird nehmlich Hr. Weyl hier offenbar, wenn er ſchreibt, daß in der Löhe'ſchen Agende Anleitung gegeben werde zu „Anrufung der Maria bei Einſegnung der Hoſtie.“ Hr. Weyl geht hierbei offenbar nach der alten bekannten Maxime (Grundſatz) aller Lügenmeiſter: „Calumniare audacter, semper aliquid haeret; etsi enim sanetur vulnus, manet tamen cicatrix, d. i. verleumde nur kühn darauf los, es bleibt immer etwas hängen; denn wird auch die Wunde (durch Aufdeckung deiner Lügen) wieder geheilt, ſo bleibt doch eine Narbe.“ — Laßt uns doch ſehen, wie die Worte in der Löhe'ſchen Agende lauten, die Hr. Weyl zu der Beſchuldigung benutzt, daß dieſelbe zur Anrufung der Jungfrau Maria auffordere. In der ganzen Abendmahlsord⸗ nung enthält nur Ein Gebel den Namen der Maria; nach der genannten Agende ſoll nehm⸗ 28 lich von der Gemeinde unmittelbar vor Abſin⸗ gung der Einſetzungsworte nach uraltem Ge⸗ brauche das ſogenannte „Sanctus“, das heißt, folgender Geſang geſungen werden: „Heilig, heilig, heilig iſt Gott, der HErr Zebaoth! Voll ſind Himmel und Erdreich deiner Ehren! Hoſianna in der Höhe! . . „Mariens Sohn, der da) kommt im Namen Gebentdeitt ſei das Paſſalamm, das da des HErrn. Hoſianna in der Höhe! Wer wird nun hiernach gebenedeiet oder, wenn man es ſo nennen will, angerufen 2 — Wen der Lügengeiſt noch nicht ſo verblendet hat, daß er nicht mehr den allereinfachſten Satz conſtruiren (die gegenſeitigen Verhältniſſe ſei⸗ ner Worte einſehen) kann, der wird hoffentlich deutlich genug ſo viel erkennen, daß hier nicht Maͤria, ſondern Marien's Sohn angeru⸗ fen wird, wie es z. B. in dem Liede: „Wir glauben all' an einen Gott“ ꝛc. heißt: „Von Maria der Jungfrauen, iſt ein waͤhrer Menſch geboren,“ womit natürlich nicht geſagt wird, daß wir an die heil. Jungfrau, ſondern daß wir an den glauben, den ſie in Bethlehem gebo⸗ ren hat, Chriſtum. Die alte Kirche pflegte nehmlich den Sohn Gottes oft ausdrücklich auch den Sohn Mariens zu nennen, weil es Ketzer gegeben hat, welche entweder geradezu leugneten, daß der Sohn Gottes wahre menſch⸗ liche Natur angenommen habe, oder die doch behaupteten, daß er dieſelbe nicht von der Maria angenommen, ſondern vom Himmel ge⸗ bracht habe, oder daß doch Maria nur einen Menſchen, und nicht den Sohn Gottes geboren habe, daß daher Maria wohl die Mutter des Menſchen IEſus, aber nicht auch die Mutter des Sohnes Gottes ſei und genannt werden könne. Die letzteren hießen Neſtorianer. Indem nun die Löhe'ſche Agende Anleitung gibt, Chriſtum anzurufen und mit der alten Kirche zu bekennen, daß Er, der gebenedeiete, von allen Engeln angebetete Sohn Gottes, auch Mariens Sohn ſei, ſo benutzt dies Hr. Weyl, das Gerücht zu verbreiten, daß die ſoge⸗ nannten Altlutheraner die von allen Luthera— nern tief verabſcheute Abgötterei begingen, und, gleich den Papiſten, die heilige Jungfrau an⸗ riefen. Wir erklären daher hiermit Hrn. Weyl, ſo lange er dies nicht widerrufen haben wird, im Angeſichte der ganzen lutheri⸗ ſchen Kirche America's für einen gottesläſter— lichen Lügner, der ſelbſt die Glaubwürdigkeit eines ehrlichen Menſchen (wir ſchweigen, eines Chriſten) verwirkt hat.“) Doch Hr. Weyl offenbart ſich hier nicht nur als einen muthwilligen Lügner, ſondern auch, wie geſagt, als einen completen Heuchler. Er verſpricht hier zu beweiſen, daß die ſogenann⸗ ten Altlutheraner eine neue unlutheri ſche Seete ſeien, die wieder nach Rom führe; und ») Herr Naſt hat es in dieſem Falle klüger angefangen. Derſelbe ſchreibt nehmlich in ſeinem Adologeten dem Herrn Paſt. Wyneken eine „Anrufung oder Benamung der gebenedeiten Jungfran Maria“ zu. Durch den Zuſatz: „oder Benamung““ ſichert er ſich den Rückzug, wenn man ihn etwa auch der Lüge zeihen würde. Denn nun kann Hr. Naſt, wenn er zur Rede geſtellt wird, ſagen: Das Wort„Anrufung“ habe ich nicht ſo böſe gemeint, als es klingt, der Zuſatz zeigt, daß ich darunter nur eine „Benamung“ verſtehe; das Letztere iſt es eigentlich, was ich Hrn. Paſtor Wyneken vorwerſe. — Ein gebranntes Kind fürchtet ſich vor dem Feuer was thut er? — Er zieht wider die alte wahre lutheriſche Kirche zu Felde. Er tadelt nehm⸗ lich, daß die ſogen. Altlutheraner (außer jener ihnen angedichteten Anrufung) Gebräuche beob⸗ achten, oder doch billigen, und Lehren beken⸗ nen und vertheidigen, welche Luther und alle rechtgläubigen Lutheraner ſeit dreihundert Jahren bis dieſe Stunde beob⸗ achtet oder doch gebilligt, und bekannt und vertheidigt haben! Was heißt das nun, daß Hr. Wehyl nicht rund heraus ſagt, daß er die lutheriſche Kirche ſelbſt mit ihren Lehren und Gebräuchen für einen Vorhof der Pabſtkirche und für eine Brücke, die ans dem Proteſtantismus in das Reich des Antichriſts führe, hält? Der Grund zu dem merkwürdigen Spiele, das hier Hr. W. ſpielt, liegt auf der Hand. Hr. Weyl will nehmlich den Schein nicht verlieren, daß er kein Widerſacher der lutheriſchen Kirche ſei, ja daß er vielmehr zu den treuen Wächtern derſelben gehöre. Daß Hr. Weyl wirklich dieſe Maske tragen will, ſehen wir nicht nur ſchon aus dem Titel ſeines Blattes, er erklärt dies auch ausdrücklich in der angezogenen Nummer deſſelben, wo er ſchreibt: „Es ſind (die Altlutheraner) nicht Perſonen, welche an der gereinigten Lehre Luthers oder der Reformation des 16. Jahr⸗ hunderts feſthalten, denn zu dieſen haben auch wir, und die ganze lutheriſche, ja proteſtan— tiſche (32) Kirche America's und Deutſchlands die Ehre zu gehören.“ Ja, in dem Folgenden ſchreibt Hr. W., daß die Altlutheraner Zwie⸗ tracht erregten, „und das alles unter dem ſchö⸗ nen uns ſo lieben Namen Lutheraner und Altlutheraner .. . Uns liegt die Ehre und das Wohl der ganzen huth eri⸗ ſchen Kirche in America am Herzen . . .. Das iſt eine der Urſachen, warum wir warnen. Oder ſollten wir als Wächter das Horn nicht blaſen?“ Man weiß fürwahr nicht, ob man über dieſes Gebaren Hrn. Weyls lachen oder weinen ſoll. Wir fragen, kann es ein Menſch in der unver⸗ ſchämteſten Heuchelei weiter treiben, als er es hier thut? Erſt ſchreibt er: Die Lehren des Evangeliums würden in der Augsburgiſchen Confeſſion nur „im Allgemeinen rein“ gelehrt (einzelnne Lehren, welche darin falſch ge⸗ lehrt würden, müſſe man alſo ausnehmen; ſiehe: Hirtenſtimme. IV, 21.); die Ceremo⸗ nien der luth. Kirche und ihre Lehre von der Gegenwart Chriſti im heil. Abendmahle führen in das Pabſtthum zurück (ſiehe oben); in der heil. Taufe werde der Menſch keinesweges, wie die lutheriſche Kirche im kleinen Katechismus lehrt, wiedergeboren, durch die Taufe werde die Wiedergeburt nur bedeutet (ſiehe die 18. Nummer der Hirtenſtimme); „es ſei hohe Zeit, daß kein evangeliſchgeſinnter Chriſt mehr ſage: ich bin Apolliſch, ich Pauliſch, ich Luthe⸗ riſch“ ꝛc. (ſiehe daſelbſt V, 4.) und derglei⸗ chen; ja erſt verketzert H. Weyl die, welche lie⸗ ber alles über ſich ergehen laſſen, als von einem Buchſtaben der lutheriſchen Lehre wiſſentlich abweichen wollen, erklärt ſie für die größten Feinde ſeiner Kirche, und nennt ſie, wegen die⸗ ſes ihres Feſthaltens am alten luthe⸗