# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_August 1856_S236 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 236 Die Predigtvorbereitung aus Dr. Luther. Bildung sowohl wie denen, welche auf höhere Bildung Anspruch machen. Unsere jetzige Sprache, ich meine nicht die theologische Kunstsprache, sondern die, welche wir durch unsere Erziehung im Hause, auf der Schule und unter den Einflüssen unserer ganzen Umgebung gelernt haben, ist einestheils mehr als hundert Jahre lang im Dienste des Rationalismus gewesen und von demselben in vieler Beziehung gemodelt worden; anderntheils ist sie die Frucht und das Mittel einer Bildung, welche nur einem kleinen Theile unseres Volks angehörte und den niederen Ständen desselben entweder ganz entfremdet war oder ihnen hie und da sich anhängte, wie der englisch⸗amerikanische Schnipel an den Rücken des Sandwichinsulaners. Wir sind daher einerseits zu der Voraussetzung genöthigt, daß die Sprache unserer Zeit erst wieder zu einem brauchbaren Werkzeuge des lauteren Evangeliums umgearbeitet werden muß, ein Werk, welches sicherlich nicht besser geschehen kann, als indem man sie zu der echt evangelischen Rede Luthers in die Schule thut: Andererseits haben wir ohne Zweifel alle die bittere Erfahrung gemacht, wie wir so gar unverständlich für unsere Gemeindeglieder im Allgemeinen sprechen. Schon in Deutschland mußte ich mich davon überzeugen, zugleich aber auch bemerken, daß sobald der Prediger einmal eine Rede Scrivers, Arnds, H. Müllers anführte, Jedermann horchte, verstand und behielt, was gepredigt wurde, daß endlich Luthers Worte allzeit den bedeutendsten Eindruck machten. Diese Wahrnehmung, die sich mir bei eignem Predigen wie beim Zuhören fast wider meinen Willen aufdrängte, trieb mich dazu, recht viele Stellen aus Luther und anderen Vätern auswendig zu lernen, auch Luthers Predigten bei der Vorbereitung zu lesen und so recht oft die Sprache der Alten zu führen. Es genügt das indeß nicht; unsere ganze Sprache muß an derjenigen, welche Luthern eignet und jedenfalls das reinste und edelste Vorbild ist, erzogen werden, wie solches geschieht durch das Lesen mit der Feder. Man stelle sich nur nicht unter diesem Vornehmen ein ängstliches Bemühen, ein lächerliches Nachäffen vor. Anderswo habe ich einmal gesagt, man könne Luthern nicht nachahmen wie etwa einen Harms oder Dräseke, nemlich so, daß man dadurch ein Affe oder eine Fratze wird. Die letztgenannten Prediger treten hervor durch mancherlei Sonderbarkeiten, sind originell in manchen Beziehungen: Sonderbarkeiten aber und einzelne originelle Züge nachahmen heißt sich zur Fratze machen. Luther dagegen hat überall gar keine Sonderbarkeiten an sich und ist originell durch und durch, eine Persönlichkeit, so reich begabt und doch seiner Gaben so völlig mächtig, daß uns sein Wesen und Eigenthümlichkeit nicht in einigen einzelnen starken Zügen, sondern als ein Ganzes gleich einem schmucken Bau oder anziehenden Gemälde entgegentritt. An seiner Sprache die eigne heranzubilden und zu üben, das kann nicht zum ängstlichen Nachmachen werden: Aengstlichkeit ist überall beim Studiren des fröhlichen, muthigen, herzigen Luthers ganz außer aller Frage. Versucht dies Studiren nur einmal und ihr werdet selbst über die Meinung lachen, als könnte man dadurch zu der ängstlichen Frage getrieben werden: rede ich nun auch wirklich so wie Luther?