# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 10 27_S26 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Führer mit ſeiner rechten Hand meinen rechten Fuß, der über den linken geſchlagen war, und ſtürzte mich in die Qutlle. HErr, mein Gott, was geſchah mir da! Ich berührte mit dem Haupte die Bruſt Chriſti und den Quell jener großen Seitenwunde, mit den Knieen und Hän⸗ den den Leib des Gekreuzigten, auf dem ich mich ſtützte, um nicht unterzuſinken. In mei⸗ nen Mund, Herz und Haupt ſtrömte der lieb— lichſte Trank ein und belebte mein ganzes Innere und Aeußere. Aber indem ich mein erfriſchtes Haupt aufrichte, ſchämte ich mich, daß ein ſo großer Sünder auf ſolch einer Stütze ruhe und mit einem Trank erquickt werde, deſſen weder die Engel noch irgend eine Creatur würdig ſind. Da ergriff mich mein Führer und zog mich aus dieſer Quelle des Heils heraus und fragte, ob ich getrunken habe und erquickt ſei? Ich aber dankte meinem Gott, dem Vater unſers HErrn JEſu Chriſti, für ſeine Gnade gegen mich Sün⸗ der, bekannte, daß ich ſolcher Güte unwürdig ſei, wagte aber doch nicht, meinen Führer zu tadeln, daß er mich in die Quelle auf den Ge— kreuzigten geſtürzt hatte. „„Nun weißt du, ſagte er, daß du aus der Quelle, ja aus dem Urſprung der OQuelle ſelbſt getrunken haſt.““ Wir ruhten ein Weilchen an der Quelle, dann gebot er mir, mich zu umgürten und ihn zu begleiten. Ich thue es und ſchon kann ich gehen, überſchwänglich erquickt von dem Genuß des lebendigen Waſſers. Wir gehen den Fluß entlang auf jener anmuthigen Wieſe fort, es war aber, dünkte mich, ein Uhr nach Mittag. Kaum haben wir eine Stunde Wegs gemacht, ſiehe da liegt vor uns ein großes, weites, brei⸗ tes Weizenfeld, als ob es wieder die ganze Welt wäre „„Hier, ſagte mein Führer, mußt du arbeiten und ernten.““ Ich erwiederte, daß ich mich zwar vor keiner Arbeit fürchtete, aber daß ich noch nie die Sichel geführt oder auch nur einen Halm abgemäht hätte. Er aber ſagte: „„Was du nicht weißt, ſollſt du lernen.““ Als wir nun an den Anfang des Ackers kamen, ſo ſtand da ein Schnitter, die Sichel in ſo kräf— tigen Armen und mit ſolchem Eifer über die Arbeit her, als wollte er allein dies ungeheure Feld abernten. Und allerdings hatte er in ei⸗ nem Tage eine große Fläche abgeſchnitten. „„Zu dem thue dich hinzu, ſprach mein Füh⸗ rer, der ſoll dich unterweiſen und unterſtützen.““ Als ich nun dieſen ehrwürdigen Mann anſehe, ſo war er meinem Führer ſo ähnlich, daß ich nicht wußte, ob es Einer wäre oder Zwei. Und ohne weiters ergriff dieſer die Sichel und ſchnitt zwei oder drei Handvoll ab und zeigte mir, ſo müſſe ich es machen. Nun trat auch jener Schnitter hinzu und freute ſich, daß er an mir einen Gehülfen bekommen habe, zeigte mir auch, wie er mit der linken Hand die Aeh⸗ ren faſſe und mit der Rechten ſie abſchneide. Ich ergreife die Sichel in dem Namen des HErrn JEſu Chriſti, die Arbeit ging anfangs langſam, allgemach aber erlangte ich durch Uebung Fertigkeit. Mein Führer ſtand dabei und lobte mich, daß ich ſolche Fortſchritte mache, und wies mich an, daß ich mir mit Stroh und Stoppeln, welche der HErr nicht brauche, nicht viel ſollte zu ſchaffen machen, daß ich aber auch 26 keine brauchbaren Aehren ſtehen laſſen ſollte. Sehr treulich ſtand mir jener ehrwürdige Vor⸗ geſetzte bei, dem ich als Gehülfe und Mitarbei⸗ ter beigegeben worden war, und als er ſah, daß ich zurückblieb, kam er an meinen Ort und half mir da mit. Als wir nun mit unſrer Ar⸗ beit bis auf eine mäßige Anhöhe gekommen waren, richte ich mich auf und ſchaue umher auf das Feld und ſage zu meinem Führer: Guter Gott, wann und in welcher Zeit wollen wir dieſe unermeßliche Ernte einbringen? Und ſiehe, da erblicke ich Leute, die von ferne kommen, bald einen, bald zwei, nud die an verſchiedenen Theilen des Feldes zu ernten anfangen. Aber doch ſchienen es mir wenig zu ſein im Vergleich zu der Größe des Feldes und der Ernte. So arbeitete ich denn mit meinem ehrwürdigen Gehülfen und Meiſter, wie es mir ſchien, viele Tage lang, ſo daß ich ſah, daß es beifanhaltender Arbeit doch möglich wäre, das Feld abzuernten. Wenn wir müde waren, ſo gingen wir an das Bächlein, und da gab es für uns Brod, Fiſchezund auch ge⸗ braten Fleiſch; damit erquickten wir uns. Auch kamen zu uns, die zur Rechten und zur Linken um uns her arbeiteten. In dieſer gan⸗— zen Erntezeit kam eszmir vor, als wäre ich im Himmel, ſo eine Freude war es, in ſolcher Geſellſchaft zu arbeiten. Mein Führer hatte ſich gleich am erſten Abend zurückgezogen, ich weiß nicht wohin, meinte aber, zer werde auf andern Theilen des Feldes den Fortgang betrei— ben. Lebensunterhalt ſchickte der Herr der Ernte, und es gebrach uns an nichts, auch waren wir gar nicht bekümmert, daß die Ernte ſo groß war und unſer ſo wenige dazu, und als wir merkten, daß der Winter heranrückte, ſo ängſtigten wir uns auch nicht, ob wir alles würden einbringen können. Endlich empfand ich doch, daß meine Körper- und Geiſtes— kräfte von der anhaltenden Arbeit erſchöpft wurden, und daß ich entweder ruhen oder auf dem Acker ſitzen müſſe. Doch ſtärkten mich die Arbeiten meiner Gehülfen, vorzüglich jener Lehrmeiſter, dem ich beigegeben war, und ſo hielt ich denn, wenn auch erſchöpft, doch noch eine Zeitlang in der Arbeit aus und that, was ich konnte. Aber nach etlichen Tagen werde ich, ich weiß nichtvon wem oder wie, in die Schlafkammer geführt und lege mich müde und krank auf mein Bett. Indem ich ſo daliege und mit Mühe Athem hole, ſehe ich meine Bruſt ean und gewahre, daß alles mein Fleiſch ſo abgezehrt iſt, daß von dem ganzen Leib nichts übrig als Knochen, die kaum noch in der welken Haut hängen. Mein Geiſt war aber bei dem allen getroſt und nur darüber war ich betrübt, daß etwa von den Früchten des guten Hausherrn etwas auf dem Felde bleiben möchte, was nicht abgeerntet werden könnte, ehe der Winter käme. Indem ich nun ſo bald ſorge, bald hoffe, ſteht auf einmal mein Retter aus der Wüſte, mein treuer Führer bei mir, und mit ihm noch ein andrer Mann von apoſto⸗ liſchem Ausſehen, wie man den Andreas oder Philippus zu malen pflegt. Da tröſtete mich denn nun mein Führer mit heiterem Munde und fröhlicher Stimme gar ſehr, und während ich aufmerkſam auf ihn höre, ſo ſehe ich das Bild des Gekreuzigten, auf den ich in der Quelle geworfen worden war, gerade meinem Bett gegenüler, an die Wand geheftet, in der⸗ ſelben Geſtalt, aber doch wieder in ganz ver⸗ ſchiedener Weiſe; denn in der Quelle ſchien das ganze Fleiſch leuchtend zu ſein, hier aber war es an allen Gliedern ſo zuſammengetrock⸗ net, daß man alle Gebeine zählen konnte, und es war ein ganz kläglicher Anblick. Ich ſehe wieder auf meine Bruſt, wie auch da nichts war, als Knochen mit Haut bekleidet, und kaum konnte ich vor Krankheit noch Athem ſchöpfen. Da klopfte Paulus, mein Führer, mit ſeinem Finger auf meine Bruſt, und mit dem rechten Zeigefinger auf Chriſtum, der vor mir ſtand, zeigend ſpricht er: „‚Dem mußt du ähnlich werden.““ Von dieſer Be⸗ rührung und dieſen Worten erwache ich, Alles iſt verſchwunden, und es blieben nur die Ge— danken in meinem Geiſt zurück, was das wohl zu bedeuten habe.“ Hören wir aber unſern Myconius noch wei⸗ ter über ſeine Kloſterſchickſale und des Tran⸗ mes Deutung. Er ſagt: „Ich wollte mit kei— nem Mönche etwas darüber reden, damit ſie mich nicht etwa auslachten. Das ſahe ich deutlich, daß dieſer Traum etwas wichtiges zu bedeuten habe; aber, mein Gott, was machte ich mir für thörichte und verkehrte Gedanken darüber. Jene Felſeneinöde deutete ich auf mein früheres weltliches Leben, den Ausgang daraus auf den Eintritt in den Franciskaner⸗ orden, die Ernte auf die Beobachtung der Or— densregeln. Doch war das dagegen, daß ich in dem ganzen Traume keinen Mönch und nichts von irgend einem mönchiſchen Werke geſehen hatte. Inzwiſchen wurde ich nun mit dem Mönchsleben bekannt gemacht, es wurden mir die Ordensregeln, Erläuterungen, Ausnahmen und dergleichen vorgelegt. Nun kam ich erſt in die Einöde und wurde wahrhaft vom Teufel verſucht und geplagt, und erfuhr, daß nirgends weniger als in den Mönchsorden Gewiſſens⸗ ruhe, Vergebung der Sünden, Glauben und Hoffnung des ewigen Lebens zu finden ſei. Ich that mehr, als nöthig war, mit Pſalmenſingen, Meſſehalten, Beten, Faſten, Schweigen u. ſ. w., um auf dieſe Weiſe meinen Mangel an guten Werken zu erſetzen. Ich wählte mir neue Pa⸗ trone, Heilige, Märtyrer, Bilder und machtt ſie zu Mittlern zwiſchen mir und Chriſto; aber ich kam auf dieſe Weiſe ſieben Jahre lang im⸗ mer weiter ab. Da mir mein eifriges Studi⸗ ren nichts helfen wollte, ſo lernte ich Handar⸗ beiten, Buchſtaben malen, drechſeln, und war mit meinem Schöpfer ſehr unzufrieden, daß er mich geſchaffen hatte und mir doch nicht ver— leihen wollte, fromm zu werden. Ich will gar nicht einmal etwas ſagen von meinen Anfech— tungen über meine Erwählung, wodurch ich in die unterſte Hölle geworfen wurde, ſo daß ich meinen Beichtvater und andere Mönche, die ich um Hülfe und Zuſprache bat, auch mit in meine Anfechtung hineinzog, bis mich endlich Niemand mehr hören wollte. Aber da erbarmte ſich Gott meiner und meiner Zeitgenoſſen und ſendete im Jahre 1517, in meinem 27. Lebens⸗