# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 10 27_S25 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Der Cutheraner. Herausgegeben v „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ on C. F. W. Walther. Jahrgang 3. St. Louis, Mo., de n 31. October 1846. No. 5. Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zwei Wochen einmal für den Subſeriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezaͤhlen und das Poſtgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelue Nummer für 5 Cents verkauft. Friedrich Myeonius. Eine lehrreiche und erbauliche Lebensgeſchichte, aus alten Schriften neu erzahlt. Zweites Kapitel. Von Myconii Traum und ſeinem traurigen Mönchſtand. Als Myconius am erſten Abend von den Mönchen in ſeine Zelle geführt worden war, warf er ſich auf ſeine Kniee und befahl eine Stunde im brünſtigen Gebet ſein Vorhaben dem HErrn an, und bat ihn, daß er ihn nichts wider ſeines Namens Ruhm und ſeiner eignen Seele Heil wolle unternehmen laſſen. Endlich legte er ſich auf ſein Bett und ſchlief ein. In der erſten Nacht ſeines Kloſterlebens hatte er nun einen höchſt merkwürdigen Traum, in welchem ihm ſein ganzer künftiger Lebensgang wie in einem Spiegel vorgeſtellt wurde. Er hat dieſen Traum nebſt andern wichtigen Le⸗ bensumſtänden in einem Briefe an Paul Eber kurz vor ſeinem Tode ſelbſt ausführlich erzählt. So wollen wir ihn denn auch aus ſeinem eig⸗ nen Munde hören, jedoch mit einigen Abkür⸗ zungen: „Ich träumte, ich ſei in einer ungeheuern Wüſte, die ganz mit ſolchen Spitzen und eng⸗ zuſammengedrängten Steinen bedeckt war, wie ſie unter dem Kreuze Chriſti dargeſtellt werden oder wie man ſie um das Schloß Stolpen her— um ſieht. Die ganze Welt ſchien mir nichts zu ſein, als eine ſteinige Einöde, darin ich ir⸗ rete, ohne Begleiter, ohne Führer. Hier war kein Baum noch Geſträuch, kein Gras noch Kraut. Ich ſuchte einen Ausgang oder Rück— weg, kroch durch die Felſen, ſtieg bald auf— wärts, bald abwärts. Alles vergebens. End— lich, ſchon ganz ermattet, ſehe ich einen Fels, der über die andern emporragt; mit der größ⸗ ten Mühe kletterte ich hinan, vb ich etwa ir⸗ gend wo Rauch aufſteigen ſehen oder die Spur eines bebauten Landes erblicken möchte; aber überall nichts als Fels und unermeßliche Ein⸗ öde. Zu der Mühe kam noch Hunger und Durſt, denn es war mir, als ob ich ſchon et⸗ liche Tage und Nächte hier herum geirrt wäre; ich konnte weder gehen noch ſtehen. Da lehnte ich mich denn unter einem Felſenvorſprung nie⸗ der, hob meine Hände und Augen auf gen Himmel und befahl meinen Geiſt in meines Gottes Hände. Indem ich denn nun ſo ſitze und warte, was Gott mit mir thun wird, ſiehe da höre ich von fern etwas wie den Schritt ei— nes Menſchen, ich merke geſpannt auf, ob Je— mand kommt. Da tritt zu mir heran ein Mann von mittler Statur, mit freiem, aber kahlem Vorderhaupt; der lange Bart und die Haare ſpielten ins Kaſtanienbraune, und waren mit grauen Haaren untermiſcht; gekleidet war er mit einem kurzen grünen Unterkleid, darüber einen rothen Mantel, auf der linken Schulter mit einem Knoten geſchürzt. Ich erkannte ihn ſogleich für den Apoſtel Paulus, wie ich ihn gemalt geſehen hatte. Er fragte mich: „„Was machſt du?““ Ich antwortete: „„Ich bin in die Wüſte geführt worden, weiß nicht, von wem oder wie, nur das Eine weiß ich, ich bin durch Kriechen und Suchen von Mühe, Schmerz, Hunger und Durſt ſo erſchöpft, daß ich die Hoff⸗ nung aufgegeben habe, aus dieſer unermeßli⸗ chen Einöde zu kommen; daher habe ich mich denn hierher geſetzt um zu ſterben und bitte nur Gott, er wolle mir Sünder gnädig ſein, und ſich meiner Seele annehmen.““ Ich war kaum im Stande, dies herauszubringen. Er aber trat zu mir heran, ergriff mit ſeiner rechten Hand meine Linke, richtete mich auf und ſprach: „„Stehe auf und folge mir, deine Sache ſoll beſſer gehen.““ O mein Gott und HErr, wie freute ich mich. Aber mein ſterbender Körper zitterte und ich konnte nicht gehen. Da umſchlang er mich mit ſeiner Rechten und trug mich, ſo daß ich kaum mit— unter einen Fuß niederzuſetzen brauchte; wo der Weg enger war, trug er mich ganz. Wir gingen eine kleine Strecke, und der Weg wurde etwas betretener und angenehmer; doch ſah ich noch keine Spur eines menſchlichen Fußtritts. Wir ſchritten noch etwas vorwärts und ſiehe, da öffnete ſich das lieblichſte Thal, und vor mir lag eine ſo herrliche Wieſe, daß ſich nichts Schöneres, Angenehmeres und Erquicklicheres denken läßt. Am Graſe hingen die Thautrop⸗ fen und ſtrahlten in der Sonne wie Sterne mit dem verſchiedenſten Farbenglanz; der Blu⸗ men gab es ſo viele und verſchiedene an Farbe und Duft, daß man einen ganzen Tag brauchen würde, wenn man alle aufzählen wollte. Ich erquickte mich über die Maßen und wollte hier ein wenig ruhen; aber mein himmliſcher Füh— rer drang in mich, weiter zu gehen. Wir ka— men mitten in das Thal, und es ſchien mir um die zehnte oder elfte Stunde des Tages zu ſein. Da hörte ich denn zuerſt das Murmeln eines Bächleins, und auf einmal ſah ich ein leben— diges Waſſer, das nicht mit großem Getös, ſondern mit ſanftem Gemurmel dahin floß. Ich ſah es an, und ſiehe, es war durchſichtig und kroſtallrein bis auf den Grund, auf dem man goldfarbigen Sand und Steinchen ſah. Nichts Unreines wuchs an den Ufern des Bäch— leins, ſondern nur Blumen und grünende Kräu— ter. Ich kniete nieder, denn ich meinte, daß mir mein himmliſcher Führer dazu geſendet wäre, mich zu dieſem Lebenswaſſer zu führen, und ſchickte mich an, mit der Hand Waſſer zu ſchöpfen, um meine dürſtende und todesmatte Seele zu erquicken; aber mein Führer ließ es mir nicht zu. „„Nein, aus der OQuelle ſelbſt ſollſt du trinken,““ ſprach er, und richtete mich auf. Wir gingen nun noch etwas vor⸗ wärts und ſiehe, da ſtand vor uns ein ſchnee— meißer Marmor, rund, etwa anderthalb Ellen hoch, und als wir hinzutraten, ſahe ich, daß er aus dem Ganzen, ohne irgend eine Fuge rund ausgearbeitet war. Innen war ein rundes Loch, aus welchem jenes Waſſer mit einer ge— wiſſen Gewalt hervorbrach. Hier befahl mir mein Führer aus der Quelle zu trinken. Ich fiel zuerſt auf die Kniee nieder und dankte Gott, alsdann richtete ich mich in die Höhe, um mit den Händen aus der Quelle Waſſer zu ſchöpfen. Aber indem ich hineinſchaue, erblicke ich in der Quelle ſelbſt das Bild Chriſti, anſtatt eines Gitters. Es ſchien mir aber der lebendige Chriſtus zu ſein und das Kreuz, an dem er an— geheftet war, war mit ſeinen vier Seiten an das Marmorbecken befeſtigt, ſo daß es einen ganz feſten Roſt bildete. Es ſtand aber nicht drüber heraus, ſondern das Waſſer ſtand an⸗ derthalb oder zwei Ellen über dem Kreuze in die Höhe. Indem ich nun mit den Händen ſchöpfen will, ſehe ich, daß die ganze Waſſer— maſſe — denn unten war kein Grund abzuſehen — aus den Wunden des Gekreuzigten, ſeinen Händen, Füßen und ſeiner Seite herausquoll, anfangs mit einer Röthe, leuchtender, als Ru— bin, aber plötzlich ſich in eine Klarheit umwan-— delnd, wie Kryſtall. Indem ich dies ſehe, werde ich von einer Ehrfurcht vor der in dieſer Quelle gegenwärtigen Gottheit ergriffen, ſo daß ich mich für unwürdig hielt, nur ein Tröpf— chen von dem Waſſer zu berühren, das aus dem Herzen des Sohnes Gottes quoll, wie Petrus, als er ſprach: HErr, gehe hinaus von mir, ich bin ein ſündiger Menſch. Und abermals fiel ich auf meine Kniee. Da ergriff mein.