# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1856_S219 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Correspondenz aus Deutschland. 219 Unionslicht, daß er auch das Einfachste nicht verstehen kann. Jene königlich⸗preußischen Unionscabinetsordres halten dieses vielgespaltene Unionsreich zusammen, an dessen Spitze neben dem summus episcopus ein unirt⸗lutherisch⸗reformirter Oberkirchenrath steht. Man regiert nach dem Corpus Reformatorum ed. Bretschneider d. h. nach Melanchthons epistolae, consilia, vota etc., wie in Frankreich Louis Napoleon nach den hinterlassenen Papieren seines Onkels. Das Wort Union, das vielgepreßte und gedehnte, kommt freilich nach und nach in Verruf. Neulich schrieb ein unirter Geistlicher in der protestantischen Kirchenzeitung aus Pommern: „Ja es ist die Union, dieser edlen Königstochter, die in Glanz und Fülle in königlichem Schlosse geboren und unter königlicher Hut erzogen, in ihrer Jugend auch wohl etwas verwöhnt — es ist ihr nicht an der Wiege gesungen, daß sie noch einst werde so arm und verlassen durchs Land ziehen und kümmerlich ihr Leben fristen und wie Aschenbrödel schelten und fluchen lassen — und muß am Ende noch zufrieden sein, daß man sie nicht als Landstreicherin ganz einsperrt oder über die Grenze transportirt. Doch vielleicht kommt auch sie wieder, wie Aschenbrödel, zu Ehren und Würden; sie ist es ja doch auch werth genug.“ Also eine Kirche, geboren und erzogen im Palaste des Rex Borussorum in Berlin, das ist die Unionskirche, ein Reich von dieser Welt, dessen nächster Herr nicht der auf Golgatha Gekreuzigte ist, der mit der Dornenkrone, sondern ein Friedrich Wilhelm; eine Kirche ist es, die nicht, wie Moses, es vorzieht, mit dem Volke Gottes Schmach zu leiden. Wenn nun aber wir Lutherischen, die wir, wie auf Inseln, die um den Unionscontinent herliegen, wohnen, uns rühmen dürften! Nun ich will gerade nicht allen unsern Ruhm zunichte machen, denn wer möchte es leugnen, daß der HErr auch in den Lutherischen Landeskirchen, diesen vielgeschmähten, auf dem Plane sei mit seinem Geiste und Gaben, oder wer sollte es ihm wehren können, wenn er einmal das Unterste zu oberst kehren, und die Letzten zu den Ersten, die Ersten aber zu den Letzten machen wollte, was er liebt. Unter die bona omina stelle ich vor Allem etwas, was auch Euch unmittelbar berührt. Im April d. J. ist in dem Städtchen Reichenbach im Voigtlande eine Zusammenkunft von lutherischen Theologen (es waren anwesend: Kliefoth und Philippi aus Mecklenburg, Harleß, Delitzsch, Schmidt, Hofmann und Harnack aus Erlangen, Nagel und Huschke aus Breslau, Besser und Kahnis aus Leipzig) Statt gefunden, in welcher man sich über die Doppelfrage von Kirche und Amt ausgesprochen und wie man hört, in den Hauptfragen geeinigt hat. Specielles hat noch nicht darüber verlautet, doch sollen die Resultate in Druck erscheinen. Wäre unter diesen Männern eine wirkliche, gründliche Einigung über diese Streitfragen erreicht worden, so würde das ohne Zweifel ein Ereigniß für unsere Kirche zu nennen sein. Denn wer sieht nicht, daß dieser Riß im eigenen Lager uns den Feinden zum Spotte gemacht hat, daß die Erfolglosigkeit des Vorgehens mancher unserer Brüder in Hannover wie in Hessen ihren Grund hauptsächlich mit darin hatte, daß sie, die in jenen Fragen un⸗