# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1856_S199 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Die Predigtvorbereitung aus Dr. Luther. 199 bei den einzelnen Sünden stehen und weisen zu wenig das innerste Wesen der Sünde, dessen Offenbarungen die Uebertretungen sind, nach, zu wenig auch die Gemeinschaft mit der Welt und dem Reiche des Teufels, in welche wir durch die Sünde gerathen; unseren Zuhörern wird es zu leicht gemacht, die eben gehörte Gesetzespredigt auf andere, namentlich solche, die in der vorgetragenen Weise sündigen, anzuwenden und sich selbst dabei nicht zu bedenken. Daß ein Zuhörer aus der Kirche tritt und sich schüttelt wie ein begossener Pudel, das abgeschüttelte Gesetz aber auf seinen Nachbar schüttet, ohne nur einmal einen Gewissensbiß zu fühlen, das sollte unter uns kaum vorkommen können; und kommt es nicht vor? Eben so, ja vielleicht schlimmer noch sieht es mit der Gesetzespredigt aus, insofern als sie den Wandel der Wiedergeborenen beschreibt. Die Gerechtigkeit, welche die Prediger jetziger Zeit an ihren Zuhörern suchen, besteht meistens in einigen Modewerken, philanthropischen Bestrebungen, bei denen man übrigens ein Heide oder Jesuit sein kann, im Allgemeinen in allerhand äußerlichen Dingen und sollte doch eine Gerechtigkeit so recht von Innen, aus tiefstem gläubigen Herzen heraus sein. Glaubenslehre verdrehen, fälschen, verächtlich machen achtet man für keine Sünde mehr, mindestens für keine so schwere Sünde, wie die Fälschung eines Wechsels, dagegen derjenige, welcher keine kirchliche Gemeinschaft mit Falschgläubigen halten will, weit und breit für einen lieblosen Menschen gilt. Nun haben wir zwar almälig gelernt, uns nicht vom Scheine pietistischer Frömmigkeit blenden zu lassen, aber das Stückeln und Zerren am Gesetz hängt auch uns noch immer nach und darüber kommt es weder zu der Mark und Bein durchdringenden Sündenerkenntniß, welche die Sünde in all ihren Richtungen als Unrecht oder Umkehr der Ordnung Gottes faßt und vorstellt, noch erhält der gläubige Christ Anweisung zu einem gottseligen Wandel, der gleichsam aus einem Stücke geschnitten ist und die einzelnen guten Werke vollbringt aus dem guten Schatze des Herzens. Wir bedürfen, daß man uns rechte Gesetzespredigt lehre: Ists nicht also? Kaum wird Jemand unter den Lesern mirs verargen, wenn ich sie auffordere, Unterricht im Predigen des Gesetzes und des Evangeliums bei Dr. Luther, also bei einem Lehrer zu nehmen, der vor drei Jahrhunderten lebte. Selbst die Führer der theologischen Wissenschaft der Gegenwart werden sichs nicht anmaßen, in dieser Hinsicht besonders gut führen zu können: sie wie wir Alle leiden noch an den Nachwirkungen des kaum überwundenen Rationalismus. Die nächste Vergangenheit ist die des Rationalismus und Pietismus selbst, kann uns also für den genannten Zweck durchaus nicht dienen. Schärfe und Genauigkeit dogmatischer Entwicklung mögen wir von den Theologen des 17. Jahrhunderts lernen und namentlich von denen um 1600 Lehrhaftigkeit und ernstes sicheres Bauen auf dem Grunde der Apostel und Propheten; je weiter nach dem Reformationszeitalter zurück, desto trostreicher und gewaltiger wird die evangelische Predigt, aber man merkt es nicht bloß den Predigten an, vielmehr bekennen die Prediger, wie Johann Arnd, Scriver, Heinrich Müller,