# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 10 13_S21 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) redet und werden bei anderer Gelegenheit wie— der darauf zurück kommen. Ein anderer Beweis, wie groß die Unwiſ— ſenheit jetzt unter uns Lutheranern iſt, iſt die⸗ ſer: manche, wenn ſie die lange verſchwiegen geweſene Lehre der alten lutheriſchen Kirche wieder von manchen Predigern predigen hören und den äußerlichen Gottesdienſt wieder ſo halten ſehen, wie er in der alten lutheriſchen Kirche gehalten worden iſt, manche, ſage ich, ſprechen dann: Ei, das iſt ja halb katholiſch! Ja, es iſt in America dahin gekoͤmmen, daß ſelbſt lutheriſch ſich nennende Prediger und Zeitungsſchreiber ſo unwiſſend ſind, daß ſie predigen und ſchreiben: das alte Luther— thum führe nach Rom, das heißt, wer die alte lutheriſche Lehre und die alten lutheriſchen Ge— bräuche annehme, der ſei auf dem Wege, ein Unterthan des Pabſtes zu Rom, ein ſogenann— ter Katholik oder Papiſt zu werden. Das hat man in vorigen Zeiten Luthern und den Lutheranern nicht vorgeworfen, da es ja jederman wußte, daß es gerade Luther geweſen iſt, durch welchen Gott der ſeufzenden Chriſten— heit das Geheimniß der Bosheit entdeckt, ihr nehmlich den Antichriſt zu Rom offenbart und ſie aus dem römiſchen Babel ausgeführt hat. (Vergleiche 1 Theſſal. 2, 1 — 12. und Offenb. 14, 6—11.) Das iſt jedoch wahr, daß alle Ketzer und Schwärmer, welche unter den Pro— teſtanten Secten geſtiftet haben, behaupteten, die lutheriſche Kirche habe noch manche päbſt— liche Ueberbleibſel; nicht Luther, ſondern ſie ſeien daher die rechten Reformatoren, die Gott berufen habe, die Kirche gründlich zu reformi— ren. Dahin gehört u. a. der bekannte Dr. An⸗ dreas Carlſtadt. Als nehmlich Luther im Jahr 1521—22 eine Zeitlang von Wittenberg abweſend war und auf der Wartburg ſich ver— borgen halten mußte, da ſtiftete Carlſtadt in Wittenberg einen gräulichen Tumult, erklärte, daß alles unter dem Pabſtthum Aufgekomme gottlos und darum abzuſchaffen ſei und daß es mit der Reformation zu langſam ginge; er ließ daher die Bilder und Altäre in den Kir⸗ chen zerbrechen und hinauswerfen, ſchaffte die Privatbeichte ab, hieß das Brod und den Kelch im heil. Abendmahl mit den Häuden nehmen, verwarf das Doctor- und Magiſterwerden und überhaupt die Wiſſenſchaften, ging daher bei ungelehrten einfältigen Handwerksleuten umher und fragte ſie um Aufſchluß über ſchwie— rige Schriftſtellen. (Wenn dieſe nun einwen⸗ deten: wie doch ein gelehrter Doctor bei un— ſtudirten einfältigen Laien Unterricht ſuchen könne! ſo antwortete er, ſo müſſe es ſein, denn Chriſtus ſagte: Gott habe ſeine Geheimniſſe den Weiſen und Klugen verborgen und ſie den Unmündigen geoffenbart. Matth. 11, 25.) Dieſe Schwärmerei ſteckte viele Studenten an, welche nun das Studiren als fleiſchlich und ſchädlich aufgaben; die Univerſität gerieth in große Abnahme, ja die dortige Knabenſchule wurde auf Carlſtadts Rath ganz aufgehoben und aus den dazu gehörigen Gebäulichkeiten die Bänke für die Bäcker gemacht. Hierauf zog Carlſtadt aufs Land, trieb Bauerei und ließ ſich nicht anders als den „Nachbar Andres“ nennen. 21 Dieſer berüchtigte Carlſtadt war der erſte, der den Lutheranern den Vorwurf machte, daß ſie halbe Papiſten ſeien, wegen ihrer beibehal— tenen Ceremonien und ſpäter auch wegen der Lehre, daß im heil. Abendmahle der Leib und das Blut IEſu Chriſti wahrhaftig gegenwär— tig ſei und daß man durch den Genuß deſſelben ein Siegel der Vergebung der Sünden er- lange.“) Luther erwähnt dies in ſeinem letzten Bekenntniß vom heil. Abendmahl vom 1544, worin er u. a. ſchreibt, daß Carlſtadt die Wit⸗ tenberger um der Elevation willen, das heißt, weil ſie noch die Hoſtie bei der Conſecration nach alter Sitte in die Höhe hoben, „neue Pa— piſten“ geſcholten habe. Wir finden das auch in Carlſtadts noch vorhandenen Schriften. Un-— ter andern ſchreibt Carlſtadt in ſeiner „Ausle⸗ gung der Worte Chriſti: das iſt mein Leib,“ vom Jahre 1525, die Lutheraner und ihre Pre⸗ diger ſeien „zwiefachtige neue Papiſten, die thäten als unſinnige Eſel und Pferde;“ Lu⸗ thern aber nennt er wegen der Beibehaltung der Bilder, des Crucifixes und dergl. „den Götzenpatron,“ und wegen der Lehre vom heil. Abendmahle „den neuen ſophiſtiſchen Papiſten, des Antichriſts nachgebornen Freund, den Schrift-Märkler, der als der Teufel aufs Glatteis führen wolle“ u. dergl. Im Jahr vorher ſchon hatte Carlſtadt in der Schrift: „Von dem widerchriſtlichen Mißbrauch des HErrn Brod und Kelch,“ geſchrieben: „es waren diejenigen, ſo Vergebung der Sünden im Saerament ſuchen, wohl ſo toll und arg als die pübſtlichen Pfaffen. . . denen, ſo Acht haben auf das Saerament, daß ſie Chriſtum mit dem Sacrament empfahen, wäre beſſer, wenn ſie Feigen dafür fräßen ꝛc.“ Als übrigens Carlſtadt ſpäter in große Noth kam, widerrief er und ſchrieb: „Wenn er ſich dieſer fährlichen Zeiten hätte beſorgt, es ſollte keiner ſeine Bü— cher mit einer Holzaxt von ihm gebracht haben, er habe darum müſſen im Elend herumlaufen.“ Er fiel jedoch wieder in ſeinen Irrthum zurück und ſtarb endlich zu Baſel, als daſelbſt die Peſt graſſirte, aus Furcht und Schrecken, im Jahre 1541. Das iſt alſo der erſte unſelige Schwärmer, der die Kirche gründlicher reformiren wollte und der lutheriſchen Kirche Ueberbleibſel des Pabſtthums vorwarf. Dem Carlſtadt folgten hierin die ſogenannten wiedertäuferiſchen bimmliſchen Propheten, Nic. Storch, Mareus Thomä, Mareus Stübner, Martin Cellarius und Thomas *) Merkwürdig iſt, daß Carlſtadt geſteht, zu ſeiner Lehre vom heil. Abendmahle auf ähnliche Weiſe wie Zwingli (ſiehe: Lutheraner Jahrg. 1. Nr. 13. S. 3. Anm.) gekom⸗ men zu ſein. Carlſtadt ſchreibt nämlich in ſeinem „Dialogus von dem gräulichen abgöttiſchen Mißbrauch des hochw. Sa⸗ craments JEſu Chriſti“, vom Jahr 1524 Folgendes: „er habe es gelernet von einem, deß Stimme er gehöret, und ihn doch nicht geſehen und nicht gewußt, wie er zu ihm und von ihm gegangen.“ Auf welchem Wege die Wahrheit zu ſuchen und zu finden ſei, hatte Carlſtadt ſchon ein Jahr vorher in ſeinem Büchlein: „Was gelaſſen ſei?“ folgendermaßen angegeben: Ein gelaſſener Menſch müſſe auch die heil. Schrift laſſen und nicht um Buchſtaben wiſſen ꝛc. Wenn einer etwas nicht ver⸗ ſtehe ꝛc., ſoll er geſtrenglich von Gott begehren ſeine Kunſt, hören, was ihm Gott will ſagen, ſo werden ihm ſchwinde Gedächtniß einfallen, dieſelben ſoll er mit Gezeugniß heiliger Schrift bewähren.“—Iſt das nicht die Weiſe aller unſerer jetzigen Schwärmer, wie ſie die Wahrheit ſuchen und finden? Was ihnen auf ihr Gebet geſchwind durch den Kopf fährt, das halten ſie für Gottes Offenbarung, zu deren Beſtätigung ſie dann die Schrift mit den Haaren herbeiziehen. Münzer von Zwickau, welcher letztere ſpäter das Haupt der aufrühreriſchen Bauern in Schwaben wurde. Als ſich Luther von dem großen Heiligenſchein, den ſie um ſich verbrei— teten, nicht blenden ließ, ſondern dieſelben viel⸗ mehr entlarvte, die von ihnen vorgegebenen göttlichen Offenbarungen für teufliſche Einge— bungen erklärte und in ihre Verwerfung der Kindertaufe nicht eingehen wollte, da verläſter⸗ ten dieſe Schwarmgeiſter auch das Werk der lutheriſchen Reformation und behaupteten, daß durch „das äußerlich buchſtäbiſche Weſen“ Lu— thers, wie ſie es nannten, „ein neues Pabſt⸗ thum“ eingeführt werde. — Hierher gehört nun endlich auch, neben andern Irrlehrern und Wi⸗ derſachern der lutheriſchen Kirche, Zwingli, welcher ebenfalls wie Carlſtadt, die von Luthern beibehaltenen unſchuldigen Ceremonien, das Crueifix, das Zeichen des Kreuzes, die Bilder, die Altäre, die Prieſterkleider und dergleichen, ja auch die Lehre, daß Chriſtus im heil. Abend— mahle gegenwärtig ſei, für Ueberbleibſel des Pabſtthums erklärte. Um nur ein Zeugniß da— für anzuführen, ſo ließ Zwingli u. a. in ſeiner zur Uebergabe an den Kaiſer in Augsburg be— ſtimmten Confeſſion die Worte mit einfließen; „die Lutheraner ſchauten nach den egyptiſchen Fleiſchtöpfen zurück.“f) Auch dieſes gehört da— her zu den Streitpuncten, über welche ſeit drei— hundert Jahren von der ganzen reformirten Kirche gegen die lutheriſche geſtritten worden iſt, ob die lutheriſche Kirche Freiheit habe, ihre Ceremonien zu behalten, oder ob ſie dieſelben als etwas, zu dem antichriſtiſchen Weſen der römiſchen päbſtlichen Kirche Gehöriges habe abthun müſſen. Es wird zum Beiſpiel in dem reformirten Heidelberger Katechismus auf die 98. Frage: „Mögen aber nicht die Bilder, als der Laien Bücher, in den Kirchen geduldet werden? Folgendes geantwortet: „Nein: denn wir nicht ſollen weiſer ſein denn Gott, welcher ſeine Chriſtenheit nicht durch ſuumme Götzen, ſondern durch die lebendige Predigt ſeines Worts will unterwieſen haben.“ Hiermit erklä— ren alſo die Reformirten die Bilder, welche wir Lutheraner in unſern Kirchen aufhängen, für Götzenbilder; ſie ſprechen uns hiermit die Frei— heit, ſie zu gebrauchen, ab, und meſſen uns darum einen ebenſo abgöttiſchen Gottesdienſt bei wie den Papiſten. Aus dieſem hiſtoriſchen Ueberblicke, den wir vor Beantwortung obiger Frage geben zu müſ⸗ ſen glaubten, erſieht der geneigte Leſer, von was für Perſonen die auch jetzt wieder gemachte Beſchuldigung, daß das alte Lutherthum papi⸗ ſtiſche Ueberbleibſel habe, von jeher erhoben worden ſei, nehmlich von unſeren Feinden. (Fortſetzung folgt.). 1) Wie weit übrigens der wirklich unſinnige und lächerliche Reformireifer Zwingli's in Betreff kirchlicher Ceremonien ging, ſehen wir daraus, daß derſelbe mit aller Gewalt ſogar das Singen der Lieder in der Kirche abſchaffen wollte. Um dieſes durchzuſetzen, verfertigte er ein an den Nath zu Baſel gerichtetes Bittſchreiben, welches er in Gegenwart deſſelben nicht vorlas, ſondern abſang. Als der Rath über dieſe Weiſe, ein Geſuch bei ihm anzubringen, ſeine Verwunderung aus⸗ drückte, erwiederte Zwingli, er habe es eben darum geihan, ſie mit der That zu überzeugen, wie abgeſchmackt es auch Gott vorkommen müſſe, wenn man uhn ſingend um etwas bitit. Man ſieht hieraus, wohin ein Menſch geräth, wenn er unge⸗ prüft den erſten Eindrücken ſeines verkehrten Herzens folgt.