# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1856_S162 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 162 Die Verpflichtung auf die kirchlichen Bekenntnisse ꝛc. cher besonders die Concordienformel die lutherischen Dogmen darzustellen genöthigt war, für die spätere Theologie ein starkes Reizmittel abgab, aus der ohnehin einseitig getriebenen dogmatischen Arbeit eine Uebung des Verstandes und Scharfsinns zu machen und also mit der Kirchenlehre ein Spiel zu treiben , unter welchem das theologische Leben endlich gar erstirbt; allein der vorwitzige Verstand war es, der die Schärfe der Dogmenbildung zum Reizmittel mißbrauchte; die Gestalt unseres Bekenntnisses verschuldet das so wenig, wie die Gestalt der Kirche es verschuldet, daß der Unglaube sich dahinter verbirgt. Tausend und aber tausend wunderherrliche Lieder wurden im 17. wie im 16. Jahrhundert von Dichtern gesungen, die wie Paul Gerhard die lutherischen Dogmen in vollster Schärfe bekannten, ja diese Lieder sind selbst wieder Bekenntnisse jenes Glaubens und also nicht trotz desselben, sondern aus ihm entstanden . Geistreiche Andachtsbücher in bedeutender Zahl wurden verfaßt von Gottesgelehrten des 17. Jahrhunderts, welche wie unter anderen Johann Arnd ihre volle Zustimmung zum Concordienbuche freudig aussprechen und die Angriffe ihrer Gegner keineswegs aus deren Eifer für das lutherische Bekenntniß ableiteten. Einseitig, leblos, unfrei wurde die Theologie, je mehr der Glaube aus den Kreisen der Theologen und Gebildeten, überhaupt der Führer in Kirche und Staat verschwand und sich unter die Volkstheile zurückzog , die der Wissenschaft ferner stehen; das aber that der Glaube, als selbst die Herrn vom protestantischen Staats⸗ und Kirchenregiment ihn zu einem Mittel für die Ausführung politischer und anderer selbstsüchtiger Pläne herabsetzten und damit den niedrigsten Leidenschaften, dem Geiz, Haß, Neid, Schadenfreude gleichstellten, deren kluge Benutzung für das Wesen der Staatskunst galt. Diese frevelhafte Regierungsweise, welche man wohl die machiavellistische nennt, ging von römisch-katholischer Seite aus und wurde von den Protestanten zur Zeit der Reformation tapfer bestritten, trotzdem aber allmälig auch von diesen angenommen gemäß jenem Erfahrungssatze, daß der Streiter vom Gegner lernt. Sie zeigt sich auf protestantischer Seite zuerst mit erschreckender Klarheit in der Handlungsweise Moritz'ens von Sachsen und erlangt im 30⸗jährigen Kriege einen so völligen Sieg, daß sie nicht mehr bloß Regierungsgrundsatz blieb, sondern auch in die Sinnes⸗ und Denkart der leitenden Volkstheile überging, ein Uebel, welches dadurch begünstigt wurde, daß man unter der unaufhörlichen Noth jener eisernen Zeit den Sinn von allen höheren und geistigeren Gütern abwandte und auf die Befriedigung des augenblicklichen und nächsten Bedürfnisses richtete. Bei einer Denkweise, wie diese, welche den Glauben nicht um sein selbst willen, sondern wegen seiner Brauchbarkeit zu irgend welchen äußeren Zwecken schätzt, mußte ja im 17. Jahrhundert der Glaube selbst verloren gehen, mußten die Glaubenssätze zu Glaubensgesetzen werden, denen man wo möglich mit Hülfe des weltlichen Schwertes Gehorsam erzwang, mußte endlich die Theologie, die mit dem Glauben das Leben verlor, sich verwandeln in eine Methode, diese Glaubensgesetze abzuhandeln, wie es wohl in Rechtsbüchern mit den weltlichen Gesetzen