# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 09 29_S16 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Stubenthür ſtehen, und ging in den Garten, für den Patienten zu beten. Nach einer halben Stunde ging ich wieder zu ihm, und ſo bald ich die Thür öͤffnete, rief er mir, ſo ſtark er konnte, entgegen: „Ich bin verdammt! ich bin verdammt!“ Deutlich konnte man Angſt und Schrecken in ſeinen Mienen und Geberden leſen. Weil er nun allein durch die Furcht vor der Höllenſtrafe in dieſen Zuſtand gekommen war, ſo war es nöthig, das zu wiederholen, was ich ihm zuerſt vorgehalten hatte, was aber in ſei⸗ nem erſten verſtockten Zuſtande nichts hatte fruchten können. Ich erklärte ihm daher noch einmal die abſcheuliche Beſchaffenheit ſowohl ſeiner Uebertretung des vierten Gebotes, als überhaupt ſeines ganzen ſündlichen Verderbens, damit er nicht nur über die Strafe, ſondern auch über die Sünde ſelbſt erſchrecken möchte. Jetzt war nun von der vorigen Widerſpenſtig⸗— keit nichts mehr zu ſpüren. Er gab mir ohne Entſchuldigung in allem Recht und verdammte ſich immer ſelbſt. Ich verkündigte ihm daher nun die große Verſöhnung und allgemeine Gnade in Chriſto IEſu und forderte ihn auf, dieſem Worte zu glauben; was er jetzt begie— rig anhörte. Er bekam ein heftiges Verlangen nach Vergebung der Sünden; es koſtete ihm jedoch großen Kampf, ſie nun auch feſt zu glauben. Er bat ſeine Mutter wehmüthig und mit vielen Thränen um Verzeihung, wie auch ihren Bräutigam, den er nun recht lieb gewann; auch bat er mich um Verzeihung, und als ich ihm ein demüthiges Bußgebet vorſprach, ſo be⸗ tete er recht innig nach, ſo daß man aus allen Umſtänden eine große Veränderung ſeines Herzens bei ihm ſpüren konnte. Jetzt dankte mir auch die Mutter, daß ich mein Amt an ihrem Sohne gethan hatte. Ihr mußte ich jedoch verbieten, von ſeinem Seelen— zuſtande viel mit ihm zu reden. Hingegen bat ich ihren Bräutigam die Nacht bei ihm zu blei— ben, und wies ihn an, was er mit ihm ſprechen und beten ſollte, und ſo verließ ich ihn diesmal. Als ich den folgenden Morgen wieder kam, hörte ich, daß er die meiſte Zeit der Nacht mit Beten zugebracht und daß er vielfältig eine wahre Reue über ſeine Sünden gezeigt habe, auch daß er im Glauben an Chriſtum freudig geworden ſei und den Bräutigam ſeiner Mutter (dgen er doch vormals gar nicht leiden konnte) von ſeinem Bette nicht habe weglaſſen wollen. Ich traf ihn ziemlich ruhig an, und es koſtete eine kleine Unterſuchung, ſo merkte ich die Kennzeichen, daß ſein Glaube lebendig war. Erinnerte ich jetzt zur Vermehrung der Armuth am Geiſt wieder etwas von ſeinen vorigen Sünden, ſo zerſchmolz ſein Herz, wie Wachs vor dem Feuer. Breitete ich aber meine Rede aus von der Erlöſung JEſu Chriſti, von ſeiner unendlichen Gnade und Freundlichkeit und wie er auch ihm ſeine ſchweren Sünden vergeben habe, ja wie er ihn nun bald, bald in den Him— mel aufnehmen würde, ſo wurde er überaus freudig, und erklärte, daß er der Vergebung ſeiner Sünden feſt verſichert ſei und daß er die Verſiegelung davon in ſeinem Herzen lebendig empfinde. Sein vorher trotziges Angeſicht 16 wurde dabei in eine andächtige Freundlichkeit verwaͤndelt und man konnte den ſeligen Zuſtand, in dem er ſich nun befand, ſo zu ſagen, in ſei⸗ nen Geſichtszügen leſen. Ich gab ihm das heil. Abendmahl, und er bezeugte, daß ihn der Genuß des Leibes und Blutes ſeines Heilandes ſehr erquickt habe, und daß er nun getroſt auf ſeinen Tod warte. Es ſtellten ſich zwar noch etliche Stürme der Anfechtung ein, aber die Kraft des Evangeliums, das ihm vorgehalten wurde, überwand immer wieder die aufſteigen⸗ den Zweifel, ſo daß er nach etlichen Stunden in ſeinem Heiland ſanft und ſelig verſchied. „Gelobt ſei die Herrlichkeit des HErrn an ihrem Ort.“ Ezech. 3, 12. Leichtſinnige Verlaſſung der Gemein⸗ den von Seiten der Prediger. — In unſerer Zeit und inſonderheit in dieſem unſerem neuen Vaterlande, wo nicht nur die Methodiſten aus leicht erklärlichen Gründen ihre Prediger in der Regel nur ein Jahr lang bei einer Gemeinde laſſen, ſondern wo auch viele ſich lutheriſch nennende Prediger faſt bei keiner Gemeinde aushalten wollen und bei irgend entſtehenden Mißverhältniſſen in der Gemeinde als echte Miethlinge davon laufen und ein an⸗ deres ruhigeres Plätzchen ſich ſuchen, da wird es gewiß gut ſein, ſich zu erinnern, wie unſere gottſeligen Väter hierüber gedacht haben. Dieſe haben zwar ernſtlich dagegen gezeugt, wenn eine Gemeinde ihren Prediger nur auf ein Jahr oder ſonſt dingen und nach Willkür be— halten und entlaſſen wollte, aber eben ſo ernſt— lich dagegen, wenn ein Prediger nach Ge⸗ fallen Gemeinden annehmen und verlaſſen wollte. Unter den vielen Zeugen, die wir hiervon anführen könnten, wollen wir erſtlich den alten treuherzigen Mattheſius reden laſſen. Dieſer Theolog wurde 1504 zu Roch-⸗ litz in Sachſen geboren, wurde zu Joachims- thal in Böhmen an der ſächſiſchen Grenze erſt Schulmeiſter und hierauf zum Diakonus und endlich zum Stadtpfarrer 'daſelbſt berufen. Mehrere Vocationen, die er von andern Orten her erhielt, ſchlug er aus. Dieſer Mattheſius ſchreibt in ſeiner „Hiſtorie von JEſu Chriſto,“ Theil II., Fol. 39. folgendermaßen: „Daß der HErr Chriſtus am Creuze St. Johanni ſeine werthe Mutter befiehlet, daraus ſollen alle chriſtliche Pfarrherrn und Seelſor— ger lernen, daß ihnen Chriſtus ſelber durch den heil. Geiſt und ordentliche Wahl und Beruf ſeine Gemeine und Herdlein befiehlet, und ſol⸗ len ſie ihr Lebelang mit Treuen meinen, wie ein Kind ſeine Mutter, oder wie ein Vater ſeine leiblichen Kinder, oder wie ein frommer Mann ſeine ehrliche, eheliche Hausfrau, und wenn ſie ihren Kirchen ihr Lebelang treulich und weislich fürgeſtanden, ſollen ſie darauf denken, daß ſie darneben Leute erziehen und abrichten, denen ſie am Todbette die Schäflein und Lämmerlein Chriſti wiederum befehlen können. Eine ſehr nöthige Lehre iſt das für alle Pfar— rer und Biſchöfe. Denn ob man wohl zehn tauſend Zuchtmeiſter hat in Chriſto, wie St. Paulus von ſeiner Zeit Predigern redet 1Cor. 4, 15., ſo ſind doch wenig Wäter, die ſich ihrer Kirche treulich, herzlich und mit Ernſt annehmen, oder bei ihnen denken zu verharren und auszuhalten. Viel Miethlinge, Fragner (Feilhaber) und Höckler (Höker) gibt es in der Welt, aber wenig treuer Hirten und aufrich— tiger Händler. Denn der mehrere Theil ſucht das Seinige, wenig aber, was Chriſti iſt. Mancher thut wie der Sonnenkrämer (Trödler); wo die Sonne ſcheint, und da er denkt Geld zu löſen, da bindet er ſeinen Knapſack auf; gehet ein trübes Wölklein herein, und die Waare will auf einer andern Kirchweihe mehr gelten, ſo bindet er wieder ein, und fähret auf, Gott gebe, es bleibe Mutter und Braut, daran der Sohn Gottes ſo viel gewendet hat, wo ſie will. Derohalben ſollen alle chriſtlichen Pfarrer hier lernen: Befiehlet einem Gott eine Kirche, die ſoll er ſein Lebenlang behalten, wie ſein ehelich Weib, ſo fern ſie Gottes Wort hören, und Chriſto ſein Ehegelöbniß halten will. Denn da eine aus dem Geſchirr ſchlägt und nimmt falſche Lehre an, und läuft ſelber von ihrem Seelſorger, und verfolgt und verjagt einen, da heißt Chriſtus ſeinen Diener ſeibſt ausgehen, und den Staub von den Füßen ſchütteln.“) Darnach ſollen ſie auch die Zuhörer lernen, wenn ihnen Gott treue Lehrer ſendet, die ihnen Gottes Gnade treulich und väterlich verkündi— gen, ſo ſollen ſie ihnen auch mütterliche Treue wiederum erzeigen, und ihnen gehorſamlich fol— gen, ſie zwiefacher Ehren werth (1 Tim. 5, 17.) halten, damit ſie ihrem Amt nicht mit Seufzen, ſondern mit Freuden können auswarten. Ebr. 13, 17. Ein Pfarrherr, der ſtetigs ändert und wechſelt mit den Pfarren wie ein Roßtäuſcher, der weiß ſeine Strafe nicht. Alſo iſt es auch nicht gut den Kirchen, wenn ſie ihre Lehrer verkepſen (wie ein Kebsweib entlaſſen), oder legen es ihnen ſo ungleich für, daß ſie müſſen ihren Fuß fortſetzen. Traun ſolches ſtrafet ſich ſelber. Denn wer da nicht einen treuen Lehrer leiden kann, der muß darnach einen Wolf und Miethling haben, *) Es kann natürlich auch noch andere Urſachen geben, warum ein Prediger in ſeinem Gewiſſen gebunden iſt, einen neuen Beruf anzunehmen und ſeine erſte Gemeinde zu ver⸗ laſſen. J. Gerhard ſchreibt hierüber: „In Berreff der Verſetzung der Kirchendiener wird von manchen gefehlt, theils, daß ſie zu wenig, theils daß ſie zu viel zugeſtehen. Zu wenig, indem manche meinen, daß es durchaus unerlaubt ſei, daß ein Kirchendiener von einem Orte auf einen andern verſetzt werde; zu viel, indem ſie ihre Aemter ohne Ueberlegung in Leichtſinn, ohnt dringende Noth und ohne offenbaren Nutzen der Kirche wechſeln, ja nach Art der Pferdehändler und Geldwechsler ihre Gemeinden wie Pferde und Geloſtücke halten. Wie man aber der zu großen Serupuloſität der erſtern mit Recht entgegenſtellt, daß der Herr der Ernte die Macht habe ſeint Diener wie zu berufen, ſo auch von einer Gemeinde zu einer andern zu verſetzen und daß eine Gemeinde des HErrn als Hausherrin dieſelbe Gewalt habe, ſo iſt dem Leichtſinn der letzteren entgegenzuſetzen, daß ſolche Veränderungen, wenn ſie nicht aus wichtigen Gründen geſchehen, leicht in der Kircht ein Aergerniß erwecken können. Alles muß in gehöriger Ord⸗ nung geſchehen, nicht nach eigenem Vorwitz, nicht nach dem Privaturtheil des Einzelnen, nicht aus Ehrgeiz, aus Herrſch⸗ ſucht, aus Vorurtheil, nicht aus Begierde nach einer angeneh⸗ meren Stellung, nach größerem Einkommen u. ſ. w., ſondem alles muß nach dem Nutzen, dem Bedürfniß und der Erbau⸗ ung der Gemeinde geſchätzt werden.“ (Loc. theol. De mi- nist. 5 171.)