# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1844 09 29_S11 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 11 er predigt, wirklich für wahr hält, und die Wahrheit nicht verstümmeln, sondern ganz bekennen will; kann der sich (er mag für wahr halten, was es sei) zu einer Kirche bekennen, die sich auf zweierlei Bekenntnißschriften beruft, welche einander gegenseitig aufheben, von denen nehmlich die einen die andern verwerfen? zu einer Kirche, welche also offenbar gar keine Bekenntnißschriften hat, ja, in welcher zweierlei Glaube gutgeheißen wird, also die Wahrheit und die Lüge? (denn zwei sich widersprechende Lehren können doch unmöglich beiderseits wahr sein!) Sollte man doch meinen, daß es unmöglich sei, daß Männer, welche die ganze Bibel für wahr halten, auf die Gedanken haben kommen können, diese von einem preußischen Könige gestiftete, den tyrannisirten Gemeinden ohne ihr Wissen aufgedrungene, durch allerlei Ränke eingeschmuggelte, von den meisten Rationalisten eifrig beförderte neue sogenannte unirte oder evangelische Kirche sei das letzte Aufblühen des Reiches Gottes in der Welt, der Vorhof zu „dem herrlichen Tempel eines (schwärmerisch erwarteten) tausendjährigen Reiches Christi auf Erden? Wird durch diese Kirche nicht vielmehr die Zeit der babylonischen Sprachverwirrung wieder hervorgerufen? an die Stelle der wahren Glaubens- und Geistes-Einigkeit der christlichen Kirche, eine äußere ceremonielle Vereinigung Verschiedenglaubender gesetzt? Wird durch diese neuevangelische Kirche nicht der Zweifel über die zwischen den Lutherischen und Reformirten streitigen Puncte zu einem Glaubensartikel erhoben, und das Aufgeben der Wahrheit zur Loosung der angeblichen Rechtgläubigen gemacht? Bahnt ferner die neuevangelische Kirche durch ihr thatsächliches Bekenntniß, daß der eine und andere Glaubensartikel so und auch anders gelehrt werden könne, nicht den Weg dazu, daß endlich alles, was in Gottes Wort klar ausgesprochen ist, für ungewiß und unentscheidbar erklärt und die Auslegung der Schrift der Willkühr jedes Schwärmers und Rationalisten anheim gegeben werden müsse? Ist nicht die Furcht begründet, daß da, wo eine Gemeinde sich erst als eine evangelische constituirte, ohne die Grundlage eines entschiedenen Bekenntnisses, daß da dem evangelischen Prediger bald ein Rationalist folgen werde? Muß das nicht nothwendig geschehen? Achtet der eine sich das nicht billig, was dem andern recht ist? Durfte erst der Evangelische sagen: Die Auslegung dieser Stelle von den Sacramenten, von der Gnadenwahl ꝛc. ist dem Gewissen eines jeden überlassen; um einer Verschiedenheit willen in diesen Puncten darf niemand den andern verketzern;“ kann dann der Rationalist dieses Recht, auf Freiheit der Auslegung in vielen andern Puncten zu bestehen, nicht auch in Anspruch nehmen? — Kurz, die jetzt sogenannte evangelische Kirche ermangelt eines Bekenntnisses der Wahrheit in den wichtigsten Stücken der christlichen Lehre, erklärt dieselben für unwichtig, unwesentlich und ziemlich gleichgültig, und Christi Wort für ungewiß. Darum kann sie für nichts Anderes angesehen werden, als für die Gemeinschaft der Indifferentisten, d. h., derer, welchen wahre und falsche Lehre gleich gilt: darum können wir Lutheraner uns unmöglich noch ferner Evangelische nennen, um nicht mit letzteren verwechselt zu werden und so unsern Glauben zu verleugnen. Wir müssen vielmehr allen den Lutheranern, welche sich durch den schönen evangelischen Namen haben täuschen und in das Netz der falschen Union haben locken lassen, zurufen: „Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten? Ist der HErr Gott, so wandelt ihm nach; ist es aber Baal, so wandelt ihm nach.“ (1 Kön. 18.) „So nennt euch Protestanten,“ ruft uns daher vielleicht ein anderer zu. — Es ist allerdings wahr, daß die Lutheraner vom Jahre 1529 an während eines ziemlichen Zeitraumes allein Protestanten genannt worden sind. Die lutherischen Churfürsten von Sachsen und Brandenburg und andere lutherische Fürsten und Städte des Reichs legten nehmlich in dem genannten Jahre auf dem Reichstage zu Speier eine Protestation wider den erfolgten Reichsbeschluß ein, nach welchem das 1521 zu Worms wider Luther publizirte, scharfe Edikt und die darin ausgesprochene Achtserklärung vollstreckt werden sollte; und von dieser Protestation erhielten daher die Lutheraner jene Benennung. Obgleich aber dieselbe wohl schön gedeutet werden könnte, daß wir nehmlich als Rechtgläubige wider alle Mißbräuche und Menschenlehren unausgesetzt protestirt haben wollten, so ist doch aus der Geschichte bekannt, daß unter dem Namen Protestanten später alle diejenigen zusammengefaßt worden sind, welche sich von der päpstlichen Kirche getrennt haben. Auch dieser Name entspricht daher dem Glauben unseres Herzens keineswegs, indem wir ebenso gegen die Irrlehren aller andern Kirchen protestiren, wie gegen die der römisch-katholischen. Hierzu kommt übrigens noch dieses, daß es in unseren Tagen immer gebräuchlicher wird, daß sich allein diejenigen Protestanten, auch wohl Evangelisch-Protestantische nennen, welche nicht etwa gegen Menschenlehren, sondern wider Christum, sein Evangelium und alle Heiligthümer seiner Kirche protestiren. Diese haben nehmlich, wie bekannt, den großen Entschluß gefaßt, das Sonnenlicht des Evangeliums durchaus auszulöschen und vom Himmel herunter zu nehmen, dafür die Fackeln, Lichter und Thranlampen ihrer Vernunftweisheit anzuzünden und somit endlich den langersehnten vollen Tag der Aufklärung und Mündigkeit der armen Welt zu bringen, die sie beklagen, daß sie das Licht des Heidenthums leider wieder verloren und in die Finsterniß des Christenthums gerathen sei!? — Wer kann uns wohl zumuthen, mit solchen Protestanten denselben Namen zu führen und mit ihnen an Einem Joche zu ziehen? Da wir aber in Amerika leben, so könnte vielleicht mancher uns Lutheranern auch den Rath geben, uns, indem wir den bisherigen Namen fahren ließen, lieber Methodisten zu nennen. Dieser Name klingt freilich wunderlich; jedoch wer würde sich an dem Namen stoßen, wenn nur die Sache gut und göttlich wäre? Nun können wir freilich nicht leugnen, daß die methodistische Gemeinschaft eine überaus lockende Gestalt für solche haben müsse, die aus verderbten Gemeinden in Deutschland, wo so viele Bauchdiener auf dem Stuhle Mosis sitzen, herkommen. Denn welchen Eifer finden sie hingegen hier, Seelen zu bekehren! Welchen Eifer im Beten, Singen und Lesen! Welche Freimüthigkeit, ihren Glauben mit Worten und Werken zu bekennen! Wie sauer lassen es sich die meisten werden, den Himmel zu erringen! So viele Unerfahrne aber dieses Alles für sichere Kennzeichen der wahren Kirche ansehen mögen, so wenig kann dies bei demjenigen entscheiden, der in Gottes Wort erfahren ist. Worauf es bei der Kirche Christi eigentlich ankomme, sagt uns der Heiland in den Worten: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger; und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh. 8, 31. 32.) Auf das Bleiben bei der Rede oder bei den Worten Christi kommt es also an. Wohl muß der, der ein lebendiges Glied der Kirche sein will, es auch zeigen durch seinen Eifer in der Heiligung. Aber die Heiligkeit der Christen kann mich nicht selig machen; das kann allein das reine Wort, welches sie haben und bei dem sie bleiben. Das ist es aber eben, was man gerade bei den eifrigsten Methodisten vergeblich sucht. Sie gehen nicht nur in den Lehren von den heiligen Sacramenten von dem klaren Worte IEsu Christi, des Wahrhaftigen und Allmächtigen, ab; sie verspotten uns darum als Buchstäbler, daß wir bei den Worten unseres Heilandes einfältig bleiben, und sie folgen hier lieber ihrer Vernunft und ihren falschen Lehrern; sondern sie bauen auch fast ihr ganzes Christenthum, die Gewißheit ihres Gnadenstandes und ihre Wiedergeburt auf ihr unsichres wechselndes Gefühl, folgen also hierin ihrem Herzen. Da sie sich nun nicht allein an das Wort halten, und darauf nicht alles allein gründen wollen, so kommen sie freilich zu keiner bleibenden Ruhe in Christo, martern und quälen sich in eignen Werken ab und müssen doch endlich das Wort hören: (Jes. 55, 2.) „Warum zählet ihr Geld dar, da kein Brod ist, und eure Arbeit, da ihr nicht satt von werden könnet? Höret mir doch zu, und esset das Gute ꝛc.“ Bei den Methodisten, von denen es gewiß nicht wenige recht gut meinen, fehlt es daher vor allem in der reinen Lehre von der Rechtfertigung und noch mehr in der rechten Anwendung derselben; darum lernen unter ihnen so viele immerdar und können nicht zur Erkenntniß der Wahrheit kommen; darum suchen so viele den Frieden in sich, in ihrem Kämpfen und Abmühen, und finden ihn nicht. Denn allein Christus, der sich im Worte uns anbietet und im Worte durch den Glauben ergriffen sein will, ist unsere Gerechtigkeit vor Gott und unser vollkommener Friede. — Wir Lutheraner können uns daher unmöglich Methodisten nennen, und damit bezeugen, daß wir das klare untrügliche und unwandelbare Wort für den Schein menschlicher Andacht, Werke und Empfindungen hingeben. So lange freilich ein Methodist von seinem