# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1856_S12 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 12 Mancherlei Gewicht und Maß ist beides dem Herrn ein Gräuel! oder wenigstens den Verdacht dieses Gräuels zu meiden. Ich denke an die Formulare, welche bei Handlung der heiligen Taufe zu gebrauchen in der Agende vorgeschrieben sind. Sie kennen dieselben. O wie groß muß unsere Trägheit sein, daß wir nicht das hohe Kirchenregiment längst dringend mindestens um die Erlaubniß angegangen sind, die Formulare alter Agenden in ihrer Mannigfaltigkeit, lieblichen Glaubensinnigkeit und reinen Glaubenstreue gebrauchen zu dürfen. Aber nicht davon will ich sagen, sondern von dem Verdacht des mancherlei Gewichts und Maßes darin. Das erste Formular hebt, nach einleitender Rede, die Handlung an mit der Frage: „Entsagest du dem Teufel“ ꝛc., hat also die abrenunciatio, welche den übrigen 6 Formularen mangelt. Aber sollte denn nicht, so groß auch die Mannigfaltigkeit der einleitenden Rede sein mag, doch die Handlung selbst, mit ihren Fragen nach der Absage und nach der Zusage des Täuflings aller Variation entnommen sein? Gewiß sollte sie das. Warum nun die Variationen? Ob nur der Delectation wegen, oder nicht zugleich auch um die Election möglich zu machen, falls man mit Pathen zu thun hat, welchen das „Entsagest du dem Teufel“ ein Gräuel ist? Lieber also dem Herrn ein Gräuel mit mancherlei Gewicht und Maß, als den Menschen, die nicht Lust haben zur Wahrheit? Es soll nicht, liebe Brüder, also sein! Daß aber der Gedanke an den mancherlei Gewichts=Gräuel nicht ein absichtlich hervorgebrachter, sondern ein aufgedrungener ist, geht daraus hervor, daß christlich=ernste Eltern oder Pathen sich ausdrücklich das erste Formular vom Täufer erbitten. Denn einen andern Vorzug, als die abrenunciatio, hat es vor den übrigen Formularen kaum. Und die Täufer pflegen solchem Begehr nach dem ersten Formular zu willfahren. Aber wie nun, wenn die Pathen vor der Taufhandlung zum Täufer kommen, um das erste Formular sich zu verbitten, und zwar um der abrenunciatio willen sich zu verbitten? *) Ist denn da nicht beweinenswerth offenbar, daß die Kirche in unserem Vaterlande als mit zweierlei Gewicht und Maß handelnd, von nicht wenigen ihrer Glieder angesehen wird? Und ob man mancherlei Gewicht und Maß in jedem andern Falle für Unrecht erklären würde, so scheint man es doch hier gerade in der Ordnung zu finden, daß der Aufklärung der urbani z. B. Rechnung getragen werde, während man der Beschränktheit der pagani es vergönnt, dem Teufel zu entsagen. Aber wie nun? Soll der Täufer willfahren und, nicht als Diener Christi, sondern als der Menschen Knecht, in einer und derselben halben Stunde auf Begehr die Frage nach der abrenunciatio gebrauchen und auf Begehr dieselbe Frage unterlassen? Ist es dahin mit uns gekommen? Ich weiß wohl, daß es eine rechte Taufe ist auch ohne die ausdrückliche Abrenunciation. Denn das „Entsagest du dem Teufel?“ liegt schon in der Frage: „Glaubest du an Gott?“ Wer sich mit Glauben an den dreieinigen Gott hinglebt, kann es nicht anders als mit Verfluchung des Teufels. Man *) Dieser Fall ist jüngst in der Ephoralstadt D. vorgekommen.