# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 09 05_S1 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Der Cutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 3. ö St. Louis, Mo., den 5. September 1846. No. 1. Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zwei Wochen einmal für den Subſcriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Poſtgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. Vorwort des Herausgebers zum dritten Jahrgang des „Lutheraner.“ Mit der gegenwärtigen Nummer beginnen wir den 3. Jahrgang unſres Blattes. Wir thun dies mit einer Freudigkeit, die wir, wir geſtehen es, bei dem Beginn der beiden erſten Jahrgänge nicht hatten. Nicht daß das Ver— trauen auf unſere Kräfte gewachſen wäre! Was uns ſo freudig macht, iſt vielmehr dies, daß wir jetzt ganz augenſcheinlich den HErrn ſelbſt die Sache fördern ſehen, welcher dieſes unſer Blättchen gern an ſeinem geringen Theile dienen möchte. Es iſt uns nehmlich außer Zweifel, Gott hat ſich aufgemacht, den Schutt wieder weg— zuräumen, unter welchem unſere theure ev. luth. Kirche auch hier in America ſchon längere Zeit vergraben gelegen hat. Denn wie ſtand es hier noch vor wenigen Jahren, und wie ſteht es jetzt? Nur ſehr wenige, die ſich lutheriſch nannten, kannten die wahre lutheriſche Lehre, und noch wenigere bekannten und vertheidigten ſie. Das Concordienbuch, welches die öffent— lichen Glaubensbekenntniſſe unſerer Kirche enthält, war bei den meiſten hieſigen Luthera— nern kaum dem Namen, geſchweige ſeinem In— halte nach bekannt. Von Luthers Schriften war nur in ſehr weniger Händen etwas. Die meiſten ſich noch lutheriſch nennenden Prediger hatten die Zwingliſch-reformirten Irrlehren (3. B. vom heiligen Abendmahl, von der heil. Taufe, von der Abſolution, von der Erbſünde ꝛc.) und, wenigſtens viele von dieſen, auch die methodiſtiſche Praxis oder die ſogen. „neuen Maßregeln“ angenommen. Die meiſten unſe— rer Gemeinden wurden daher nicht durch den Einen lutheriſchen Glauben zuſammengehalten, ſondern waren gemiſchte, das iſt, aus Luthera— nern und Reformirten zuſammengeſetzte Ge— meinſchaften. In dieſen hatte man daher zum Theil Agenden (Kirchenbücher) und Geſang⸗ bücher eingeführt, in welchen man es dem Un— und Falſchgläubigen ebenſo recht zu machen geſucht hatte, wie dem Gläubigen. Kurz, war die lutheriſche Kirche in America auch nicht in ſo groben Unglauben, in ſo offenbares Heiden⸗ thum zurückgefallen, wie faſt aller Orten in Deutſchland, ſo war ſie jedoch abgeefallen, hatte das Panier des Bekenntniſſes ihrer Väter treulos verlaſſen, das ihr anvertraute Kleinod der reinen Lehre weggeworfen, ſich durch geiſtliche Hurerei mit allen Seeten ver⸗ unreinigt und faſt nichts behalten als — den Namen. Trotz dieſes gräulichen Zuſtandes war doch bei den meiſten Lutheranern in America die Meinung geblieben, es ſtehe hier alles recht gut; die Prediger ſeien ja keine Rationaliſten, man halte ja viele Betſtunden, man bringe ja hie und da Erweckungen hervor, u. dergl. Man ſprach daher mit Laodicea: „Ich bin reich und habe, gar ſatt, und darf nichts.“ Offbg. 3, 14 — 19. Und trotz der bunteſten Verſchiedenheit in Lehre und Glau⸗ ben, die unter den ſogen. Lutheranern ſtatt fand, herrſchte unter ihnen ein ſo ungeſtörter Friede (1 Theſſ. 5, 3., vergl. Heſek. 13.) wie unter den Todten des Kirchhofs. Jeder ließ den andern gewähren; mochte jeder Anſichten (views) haben, welche er wollte, wer nur in den allgemeinen Ton einſtimmte, der war'ein lieber Bruder. Das war im allgemeinen der Zuſtand der luth. Kirche hier noch vor wenigen Jahren. Wer dieſe Schilderung übertrieben findet, der leſe den Brief, welchen vor kurzem die ſogen. Generalſynode der americaniſch-luth. Kirche im Namen von 320 lutheriſchen Predigern und von 726 luth. Gemeinden nach Deutſchland geſendet hat, ſo wird er finden, wie ſchamlos darin der geſchilderte Abfall eingeſtanden und als ein Fortſchritt geprieſen wird.n) Doch was iſt geſchehen? Seit einigen Jah— ren ſind wieder mehr und mehr Stimmen für die aufgegebene Wahrheit und gegen den auf— genommenen Irrthum laut geworden. Zuerſt war es Hr. Profeſſor Schmidt, der in ſeiner „Kirchenzeitung“ ſeine Stimme gegen den ge— ſchehenen Abfall erhob und auf die Symbole unſerer Kirche und auf die wichtigſten Streit— ſchriften Luthers gegen die Reformirten, woraus er Auszüge gab, hinwies. Ihm folgten bald andere, welche die genannte Kirchenzeitung benutzten, in derſelben wider das hereingebro— chene Verderben zu zeugen und zur Reinigung aufzufordern. Ihnen ſchloß ſich vor zwei *) Man vergleiche hiermit auch das im „Lutheran Stan⸗ dard“ gemachte Zugeſtändniß. (Siehe Lutheraner, Jahrgang II. No. 14.) Ferner die Bücher: „Why are you a Luthe- ran.“ von B. Kurz. und die „Portraiture Lutheran“ von S. Schmucker, und endlich die „lutheriſche Hirtenſtimme,“ die unter dieſer Firma unaufhörlich wider die wahre lutheriſche Lehre giftig geifert und doch, zum Beweiſe für den großen Verfall der americ.-luth. Kirche, für das Organ eines gro⸗ ßen Theils derſelben gilt. Jahren der „Lutheraner“ an und machte ſich's gleichfalls zur Aufgabe, die geſchehenen Abirrungen in Lehre und Praxis aufzudecken und auf die Nothwendigkeit einer aufrichtigen Rückkehr zur Reformation hinzuweiſen. Herrn Paſtor Wyneken drang die Noth der deut⸗ ſchen Lutheraner in America, nach Deutſchland zu reiſen, dort mündlich und ſchriftlich den Zu⸗ ſtand unſerer Kirche hier darzulegen und einen Hülferuf an die dortigen Glaubensbrüder erge⸗ hen zu laſſen. Und ſiehe! das alles iſt nicht vergeblich geweſen. Der frühere lethargiſche (Schlaf⸗) Zuſtand hat aufgehört; eine heil— ſame Bewegung iſt entſtanden. Manche Red⸗ liche, die ſchon längſt das ihnen offenbar gewor⸗ dene Verderben in der Stille beſeufzten, aber an einer allgemeineren Beſſerung ſchon ver⸗ zagt hatten, bekommen nun Muth und treten heraus. Anderen, die bisher den Zuſtand für erwünſcht hielten, gehen jetzt mit Schrecken die Augen darüber auf und ſie ſtellen ſich mit Freu— den auf die Seite derer, die eine Reformation begehren. Andere, von dem Zeugniß der Wahrheit überwunden, fangen an ſich ihrer bisherigen Stellung zu ſchämen, ſehen zwar die aufgetretenen Zeugen noch mit Verdacht an, beginnen aber in aller Stille das gerügte Falſche abzuthun. Andere ſtehen zwar noch unent⸗ ſchieden am Scheidewege, ſind aber mit ſich ſelbſt ſchon zerfallen und aus ihrer vormaligen Sicherheit aufgeweckt. Ueberhaupt aber iſt das Intereſſe für Sachen der Lehre, das bisher faſt ganz ertödtet war, wieder rege geworden. Luthers Schriften werden wieder aus dem Staube hervorgeſucht, wieder aufgelegt und dem Volke in die Hände gegeben. f) Die Bekennt⸗ nißſchriften unſerer Kirche kommen aus der Nacht, die ſie verdeckte, wieder an das Tages⸗ licht; man hört mehr und mehr auf, ſich ihrer zu ſchämen; man lieſt ſie wieder, macht die Leſer der Zeitſchriften wieder mit ihnen bekannt, druckt ſie zum Theil wieder ab und beruft ſich auf ſie.x) Der fleiſchliche Friede, in dem man ) Daß in dieſem Jahre die Hauspoſtille von Hrn. Lud⸗ wig in New⸗Nork vortrefflich ausgeſtattet, herausgegeben worden iſt, wird jedem Leſer bekannt ſein. Sehr erfreulich iſt u. a., daß die engliſch-luth. Tenneſſee Synodt den wichti⸗ gen Brief Luthers „von der Wiedertaufe“ wieder aufgelegt und als einen Anhang ihrem letzten Jahresbericht beigegeben hat. *) Dies geſchieht im „Lutheran Standard.“ Nach den Berichten deſſelben wird ſich die Synode von Ohio mit der von Tenneſſer verbinden zur Herausgabe des ganzen Coneordien- buches in engliſcher Sprache.