# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1855_S346 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 346 Excerpte als Beiträge zur pastoralen Casuistik. Schwachheit der Leute, so viel mit gutem Gewissen geschehen kann, nachgegeben und ihre Gemüther gewonnen werden. (Christenstaat. S. 525—527.) Steht es in des Predigers Macht, den öffentlichen Gottesdienst zuweilen ausfallen zu lassen? In Ludwig Dunte's, gewesenen Pastors zu Reval (gestorben 1689) Casuistik wird die Frage aufgeworfen: „Obs recht sei, daß, weil ein Prediger der ganzen Gemeine sein Amt versagt und etliche Sonntage es anstehen lassen, ungeachtet sie ihn zu unterschiedlichen Malen gebeten, er wolle sein Amt in der Kirche verrichten — obs recht sei, daß einen solchen die Gemeine abgedanket?“ Auf diese Frage theilt Dunte eine Antwort mit, welche das ganze Ministerium zu Riga darauf gegeben hatte. Diese lautet wie folgt: „Wenn ein Prediger seine Bestallung und Beruf empfangen, so soll er sich nicht einbilden, daß er möge seines Gefallens in der Kirche gebaren und das Amt der Gemeine versagen, wenn er will. Sondern er muß die Gemeine Gottes über sich erheben, und gedenken, daß er sei ein Diener der Gemeine Gottes, wie solches St. Paulus herrlich ausführt mit diesen Worten: Es ist alles euer: es sei Paulus oder Apollo, es sei Kephas oder die Welt, es sei das Leben oder der Tod, es sei das Gegenwärtige oder das Zukünftige; alles ist euer. Ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes. 1 Cor. 3, 21—23. Da denn St. Paulus die Gemeine Gottes setzet über den Prediger, gleichwie er Gott setzet über Christum, was sein Amt anlanget. Solcher Gemeine Gottes ist nun ein Prediger schuldig zu dienen und sein vertrautes Amt abzuwarten. Denn es heißt: Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! 1 Cor. 9, 16. Wenn denn ein Prediger solch Amt nicht mehr will bedienen, so hat die Gemeine, als welche höher und größer ist, denn der Prediger, Macht, einen andern an seine Stätte zu setzen.“ (Siehe: Decisiones 1006 casuum conscientiae, kurze und richtige Erörterung von 1006 Gewissensfragen, aus vieler hochgelahrter Theologen Schriften ꝛc. zusammengezogen durch M. L. Dunte. Seite 666. 667.) Wir erlauben uns hierbei noch die zusätzliche Bemerkung: Da manche Gemeinden keine Vorstellung haben von der Arbeit, welche eine gute Predigt kostet, da vielmehr manche, von den hiesigen schwärmerischen Salbadern irre gemacht, meinen, wo der rechte „Geist“ sei, könne ein Prediger eine Predigt leicht aus den Aermeln schütteln, so sind solche Gemeinden in ihren Anforderungen an die Prediger oft so ungemessen, daß ein treuer Prediger, der nicht ungesalzenes Zeug schwatzen mag, ihren Anforderungen nicht entsprechen kann. Es ist daher nöthig, daß ein das Amt Uebernehmender sich wohl vorsehe, nicht mehr zu versprechen, als er leisten kann. Fünf Tage Schule halten, am Sonntag zweimal predigen und etwa auch in der Woche noch eine Predigt thun, was manche Gemeinden in ihrem Unverstande ihrem Prediger zumuthen, übersteigt bei den meisten Predigern bei weitem das Maaß ihrer Kräfte.